Beispiel 1 Brückenmenschen

Das erste Good-Practice-Beispiel beschreibt aus der Perspektive der VHS im Kreis Herford, wie der Einsatz von sogenannten Brückenmenschen die Ansprache und Einbindung von Menschen mit Migrationshintergrund erfolgreich unterstützen kann.

Die Volkshochschule im Kreis Herford ist ein kommunales Weiterbildungszentrum im Zweckverband Volkshochschule im Kreis Herford. Sie arbeitet auf der Grundlage des nordrhein-westfälischen Weiterbildungsgesetzes, ist dem Gemeinwohl verpflichtet und weder parteilich noch weltanschaulich gebunden.

Das Bildungsangebot der Volkshochschule umfasst breitgefächerte Möglichkeiten zur allgemeinen, politischen, beruflichen, gesundheitlichen, kulturellen und sprachlichen Weiterbildung. Es werden persönliche und berufliche Orientierung, soziale Kompetenzen und fachliches Wissen vermittelt. Die Angebote richten sich sowohl an Einzelpersonen wie an Organisationen und Betriebe.

 Zum Ausgangspunkt:

Die Volkshochschule fühlt sich dem politischen Ziel der Bildungsgerechtigkeit verpflichtet. Sie verfolgt den Anspruch, für alle da zu sein und ist bestrebt, verstärkt Zielgruppen anzusprechen, die vom Angebot der VHS bislang weniger erreicht wurden. Ein Teil des Angebots berücksichtigt gezielt die Interessen und Bedürfnisse bestimmter Gruppen wie z. B. Eltern, ältere Personen oder Menschen mit Behinderungen.

Für Menschen mit Migrationshintergrund führt die Volkshochschule bereits seit vielen Jahren Integrationskurse durch. Im Regelangebot der VHS sind Angehörige dieser Gruppe jedoch bislang nur wenig vertreten. Aus ihrer Arbeit in den Integrationskursen hat die VHS den Eindruck gewonnen, dass bei der Zielgruppe durchaus ein weiterführender Weiterbildungsbedarf gegeben ist; gleichzeitig hat sie aber auch den Eindruck, dass bei vielen Personen Hemmschwellen und eine gewisse Distanz gegenüber der Einrichtung VHS bestehen, die verhindern, dass Menschen mit Migrationshintergrund die VHS als attraktives Angebot für ihre eigenen Bedarfe wahrnehmen.

 Das Projektvorhaben:

Die Beteiligung an einer vom Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen geförderten Projektreihe zum Thema „Weiterbildung und Weiterbildungsberatung für ‚Bildungsferne‘“ nahm die VHS in den Jahren 2009 bis 2014 als willkommene Möglichkeit, neue Ansätze zur Erreichung von Menschen mit Migrationshintergrund, basierend auf Konzepten aufsuchender Bildungsarbeit und der Sozialraumorientierung, einzuführen und zu erproben.

Ein zentraler Ansatzpunkt für die VHS im Kreis Herford war die Zusammenarbeit mit sogenannten Brückenmenschen.

Brückenmenschen sind Mittlerpersonen, die eine bestehende Distanz zwischen Zielgruppe und (Weiterbildungs-)Organisation überwinden helfen. Wichtigstes Merkmal der Brückenmenschen ist, dass sie selbst lebensweltlich im Milieu der Zielgruppe verankert und dort anerkannt sind. Sie genießen das Vertrauen der Milieuangehörigen und sind dadurch in einer guten Position, um Überzeugungsarbeit zu leisten und für Weiterbildung zu werben. Zugleich können sie die Perspektiven und Bedarfe der Zielgruppe erfahrungsbasiert an die Weiterbildungseinrichtung herantragen und so die Basis für eine zielgruppen- und bedarfsgerechte Anpassung und Weiterentwicklung des bestehenden Angebots der Einrichtung legen.

 Im Lauf der Projektreihe hat die VHS im Kreis Herford Brückenmenschen gezielt für die Bedarfsermittlung sowie für die Angebotsentwicklung herangezogen. Zudem entwickelte die VHS ein spezielles Qualifizierungsprogramm, um Brückenmenschen gezielt für ihre Tätigkeit vorzubereiten.

 Die VHS im Kreis Herford nutzte ihre bestehenden Kontakte und Netzwerke um geeignete Personen als Brückenmenschen zu gewinnen.

 So konnte z. B. eine Frau mit Migrationshintergrund gewonnen werden, die sich in einer Migrantinnen- und Migrantenorganisation in Vlotho für Frauen engagiert. Zudem konnte an der VHS eine Frau als „aufsuchende Bildungsberaterin“ eingestellt werden, die mit „Bildungsfernen“ mit und ohne Migrationshintergrund gearbeitet hat und selbst deutsch, türkisch und kurdisch spricht.

 Die erwähnte aufsuchende Bildungsberaterin stellte den Kontakt zu einer türkisch-islamischen Gemeinde sowie zu einer Aleviten-Gemeinde her. Mit ihrer Hilfe wurde ein gemeinsames Frühstück in den Räumen der Gemeinde, also in einem der Zielgruppe vertrauten Umfeld, organisiert. Dabei wurden im Gespräch bestehende Weiterbildungsbedarfe der Gemeindemitglieder erfasst.

 Angebotsentwicklung:

Basierend auf den Ergebnissen der Bedarfserhebung in den Gemeinden wurden von der VHS im Kreis Herford dann spezielle Angebote für die Zielgruppe entwickelt. Nicht alle geäußerten Bedarfe konnten freilich mit einem entsprechenden Angebot befriedigt werden. Da die Angebote weitgehend kostenfrei für die Teilnehmenden sein sollten, mussten sie sich eng in den gesellschaftlichen Auftrag der VHS als öffentlich geförderter Bildungseinrichtung einfügen. Es musste also eine beiderseitige Passung sowohl zu den geäußerten Bedarfen wie auch zu Auftrag und Selbstverständnis der Volkshochschule gegeben sein. Im Rahmen des Projekts wurden auf dieser Grundlage ein Alphabetisierungskurs und ein EDV-Kurs durchgeführt. Andere Wünsche, die im Rahmen der Bedarfserhebung geäußert wurden und die z. B. Folkloretraditionen der Herkunftskultur betrafen, hätten von der VHS nur auf einer kostendeckenden Basis bzw. mit entsprechender Kostenbeteiligung durch die Teilnehmenden umgesetzt werden können.

 Als weiteres zentrales Angebot, das in Kooperation mit Brückenmenschen neu entwickelt wurde, ist ein interkultureller Chor zu nennen. Dieses sehr erfolgreiche Format wurde auch über die Projektlaufzeiten hinaus noch viele Jahre von der VHS weiter angeboten und wird seit 2019 außerhalb der VHS in eigener Regie fortgeführt. Die Attraktivität dieses Angebots bestand bzw. besteht vor allem darin, dass es nicht nur einen niedrigschwelligen Zugang ermöglicht, sondern dass ihm auch keinerlei potenzielle Defizitzuschreibungen anhaften, wie es bei Kursen, die explizit auf Kompetenzentwicklung abzielen, leicht der Fall sein kann – sei es auch ungewollt oder latent.

 Durchführung:

In die Durchführung der Kurse wurden Brückenpersonen zum Teil ebenfalls eingebunden, vor allem mit begleitenden oder unterstützenden Aufgaben. So halfen sie z. B., wenn sich Übersetzungsnotwendigkeiten ergaben. Soweit dies möglich war, wurden die Kurse in den Gemeinderäumen und somit in einem der Zielgruppe vertrauten Umfeld angeboten, um die Zugangsschwellen weiter zu senken.

 Um den Zugang weiter zu erleichtern, wurde für die neu entwickelten Angebote zudem eine niedrigere Kursgebühr als üblich festgelegt. Dies erwies im Hinblick auf die Teilnehmendengewinnung ebenfalls als ein erfolgreicher Ansatz.

 Begleitend zu den oben genannten Aktivitäten wurde an der VHS im Kreis Herford für potenzielle Brückenmenschen ein Qualifizierungsprogramm zum Thema aufsuchende Bildungsberatung in Form einer Workshopreihe konzipiert und durchgeführt. Das Programm umfasste zwei Module zu den Themen interkulturelle Sensibilisierung, Kommunikation und Körpersprache, sowie einen weiteren Workshop zur Produktschulung, in dem die Brückenpersonen mit den speziell für die Zielgruppe entwickelten Angeboten vertraut gemacht wurden. Ergänzend wurde ein Reflexionstermin zur Klärung offener Fragen und zur abschließenden Evaluation durchgeführt.

 Die Entwicklung und Durchführung bedarfsgerechter Angebote mit Hilfe von Brückenpersonen erwies sich für die VHS unter inhaltlichen Gesichtspunkten als höchst erfolgreich, zugleich allerdings auch als äußerst ressourcenintensiv. Die aufsuchende Bildungsberatung erforderte durch die notwendige intensive und kontinuierliche persönliche Kommunikation nicht nur hohes persönliches Engagement, sondern auch einen hohen zeitlichen personellen Aufwand.

 Ressourcenintensiv gestaltete sich aber nicht nur der Kontakt mit der Zielgruppe, sondern auch die daraus erwachsende bedarfsgerechte Angebotsentwicklung und Durchführung. So geraten eine wünschenswerte differenzierte Anpassung bzw. Entwicklung neuer Angebote oder auch die Absenkung der Kursgebühren schnell in Konflikt mit den Wirtschaftlichkeitsvorgaben der Einrichtung.

 Verstetigung der Arbeit:

Die Finanzierung entsprechender Aktivitäten über den Rahmen geförderter Drittmittelprojekte hinaus erwies sich somit als eine dauerhafte Herausforderung. Trotz dieser Schwierigkeiten führt die VHS im Kreis Herford die Arbeit mit Brückenmenschen auch nach Beendigung der Projektreihe in anderer Form bis heute fort. Eine Verstetigung der Arbeit konnte vor allem dadurch erreicht werden, dass mittlerweile mehrere Personen mit Migrationshintergrund als festangestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeitende sowohl im Verwaltungs- wie im pädagogischen Bereich zum Team der VHS gehören. So wurde z. B. eine Frau, die ursprünglich im Projektkontext als Brückenmensch agierte, mittlerweile als Fachbereichsleitung festangestellt; in der Anmeldeverwaltung arbeitet eine Frau mit türkischem Hintergrund, die zugleich auch im Integrationsrat der Stadt Herford aktiv ist; und eine aus der Ukraine stammende Frau konnte als Integrationskraft gewonnen werden. All diese Personen schlagen aus ihren jeweiligen Positionen heraus weiterhin vielfältig „Brücken“. Durch ihre individuellen Verankerungen und Vernetzungen tragen sie dazu bei, die Sichtbarkeit der VHS in unterschiedlichen migrantischen Communities ‒ aber auch bei weiteren relevanten Akteuren wie z. B. der Arbeitsagentur ‒ zu erhöhen, und umgekehrt helfen sie der VHS, die Anliegen dieser Communities dauerhaft und besser wahrnehmen zu können.

 Über ihre Erfahrungen aus der Arbeit mit Brückenmenschen wie auch über die damit verbundenen Herausforderungen sprechen wir im folgenden Podcast mit Monika Schwidde, Leiterin der VHS im Kreis Herford.

Beispiel 2: Die Unterschiedlichkeit von Teilnehmenden professionell nutzen

Bei BEST - Institut für berufsbezogene Weiterbildung und Personaltraining GmbH in Wien, welches vor allem Schulungen im arbeitsmarktpolitischen Bereich für den Arbeitsmarktservice in Österreich anbietet – zeigt sich die Heterogenität der Zielgruppe in beinahe allen durchgeführten Weiterbildungsprojekten.

Referenzen

Bremer, H. & Kleemann-Göhring, M. (2010). Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitung des Projektes „Potenziale der Weiterbildung durch den Zugang zu sozialen Gruppen entwickeln“. Universität Duisburg-Essen. Verfügbar unter https://www.uni-due.de/biwi/politische-bildung/potenziale. Zuletzt abgerufen am 05.05.2020.

 Bremer, H., Kleemann-Göhring, M. & Wagner, F. (2014). „Weiterbildungsberatung im sozialräumlichen Umfeld“. Abschlussbericht. Universität Duisburg-Essen. Verfügbar unter https://www.uni-due.de/biwi/politische-bildung/weiterbildungsberatung. Zuletzt abgerufen am 05.05.2020.

 Bremer, H., Kleemann-Göhring, M. & Wagner, F. (2015). Weiterbildung und Weiterbildungsberatung für Bildungsferne. Ergebnisse aus der wissenschaftlichen Begleitung von Praxisprojekten in NRW. Bielefeld: W. Bertelsmann.

 „Die Integration von ‚Bildungsfernen‛ ist für uns inzwischen eine Querschnittsaufgabe.“ Interview mit Monika Schwidde und Helga Lütkefend von der VHS im Kreis Herford'. Verfügbar unter https://transfer-politische-bildung.de/dossiers/16-zugangsmoeglichkeiten/im-fokus-2016/mitteilung/artikel/die-integration-von-bildungsfernen-ist-fuer-uns-inzwischen-eine-querschnittsaufgabe-intervi/. Zuletzt abgerufen am 05.05.2020.

 Helmut Kronika und Elisabeth Ulz für wb-web (o.J.). Heterogenität als Störung oder Vielfalt als Chance? Verfügbar unter https://www.wb-web.de/material/beratung/heterogenitat-als-storung-oder-vielfalt-als-chance.html. Zuletzt abgerufen am 05.05.2020.