Die hier zugrunde gelegte Perspektive und die praktischen Anregungen lesen sich vor dem beruflichen Erfahrungshorizont der Autorin – insbesondere aus der Arbeit als Geschäftsführung der gemeinnützigen Gesellschaft für interkulturelles Zusammenleben (GIZ) in Berlin. Zur Einordnung wird im Folgenden deshalb zunächst die Migrantinnen- und Migrantenorganisation GIZ vorgestellt, bevor Aspekte der Auswahl und Planung einer Zusammenarbeit mit Migrantinnen- und Migrantenorganisationen, die Kontaktaufnahme und Gestaltung der Netzwerkarbeit sowie ihre Durchführung thematisiert werden.

Die Migrantenorganisation GIZ

 Die gemeinnützige Gesellschaft für interkulturelles Zusammenleben (GIZ) wurde im Jahr 2000 an der Freien Universität gegründet. Ziel war und ist es, interkulturelle Begegnungen durch Bildungsangebote zu initiieren. Von Beginn an wurde die Arbeit geprägt durch verschiedene kulturelle Einflüsse.

2020 werden beim Träger GIZ über 40 verschiedene Muttersprachen gesprochen. Wichtig ist die Wahrnehmung der migrantischen Perspektiven innerhalb der migrantischen Communities und der gesamtgesellschaftliche Diskurs. GIZ ist vernetzt mit verschiedenen Migrantinnen- und Migrantenorganisationen und Mitglied in einigen bundesweiten Interessensvertretungen für migrantische Träger (z. B. VIA). Regional auf Berliner Ebene besteht eine Mitgliedschaft in verschiedenen thematischen Fachgruppen (z. B. FG Migration des Paritäters) und lokal eine bezirkliche Vernetzung (Migrations- und Integrationsbeirat). Darüber hinaus ist es dem Träger wichtig, dass dessen Perspektiven in reguläre, thematische Strukturen der Bildungs- und Sozialakteure eingebracht werden können. Hier arbeitet GIZ wiederum bundesweit (z. B. in der BMBF-Alphadekade), auf der Berliner Ebene (z. B. Berliner Register zur Dokumentation rassistischen und diskriminierenden Verhaltens) und im Bezirk vor Ort (z. B. Vereinigung Wirtschaftshof Spandau e.V.).

Auswahl der Migrantenorganisationen & Planung

Bildungsträger sind häufig untereinander vernetzt. Gemeinsam werden in Arbeitsgruppen und Fachgremien inhaltliche Fragen erörtert und diskutiert. Konzepte werden entwickelt – auch oder ausschließlich für Zielgruppen, die häufig nicht am Tisch sitzen. Bei den meisten Trägern ist bereits die vielfältige Gesellschaft in der Realität der Arbeitswelt angekommen. Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund sind Teil des Teams. Die Perspektiven dieser Mitarbeiterinnen und -mitarbeiter sind wichtig, aber es bleibt in der Regel eine Minderheitenperspektive. Im guten Glauben und aus jahrelanger Erfahrung werden Angebote konzeptioniert – auch für Migrantinnen und Migranten und seit 2015 verstärkt auch für Geflüchtete. Eine Kooperation auf Augenhöhe mit Migrantinnen- und Migrantenorganisationen bei der inhaltlichen Entwicklung und Umsetzung von Projekten ist jedoch noch eher selten.

Migrantenorganisationen und Migrantenselbstorganisationen (MSOs)

Es gibt keine allgemeingültige Definition dessen, was unter Migrantenorganisationen bzw. Migrantenselbstorganisationen (MSOs) verstanden wird. Hier werden MSOs daher allgemein als Verbände verstanden, deren Ziele und Zwecke sich wesentlich aus der Situation und den Interessen von Menschen mit Migrationsgeschichte ergeben und deren Mitglieder zu einem Großteil Personen mit Migrationshintergrund sind und in deren internen Strukturen und Prozessen Personen mit Migrationshintergrund eine beachtliche Rolle spielen.

Migrantinnen- und Migrantenorganisationen sind vielfältig. Seit Mitte der 90er Jahre und insbesondere seit 2005 mit Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes haben Migrantinnen- und Migrantenorganisationen politisch an Bedeutung gewonnen. Einige sind bundesweit tätig, andere nur in einem oder mehreren Bundesländern. Wieder andere arbeiten themenspezifisch (z. B. Gesundheit), andere konzentrieren sich vor allem oder ausschließlich auf die Unterstützung von Geflüchteten. Insgesamt bieten Migrantinnen- und Migrantenorganisationen ein großes Spektrum. Inhaltlich, sozial, religiös, kulturell, politisch und teilweise auf die Herkunftsländer bezogene Aktivitäten sind jeweils partiell oder in Kombination im Fokus. Auch die Organisationsform – von sehr klein bis zum Dachverband – ist divers. In Deutschland gibt es ca. 17.500 Organisationen mit eingetragener Rechtsform. Diese Migrantinnen- und Migrantenorganisationen sind bereits untereinander vor Ort vernetzt.

Migrantinnen- und Migrantenorganisationen haben häufig das Gefühl, dass sie nur angefragt werden, um Kontakt zur Zielgruppe herzustellen und Wissen über die Zielgruppe weiterzugeben. Das wird zudem meist als ehrenamtliche Dienstleistung selbstverständlich erwartet. Eine inhaltliche Einbeziehung fachlicher Expertise wird dagegen nicht gewünscht oder erfragt.

Ein Beispiel aus der Praxis

Ein Bildungsträger möchte eine Beratung für zugewanderte Mütter im Themenbereich Gesundheit anbieten. Die Konzeption der Themen und Inhalte ist abgeschlossen, die Flyer und der Internetauftritt sind fertig gestellt. Nun fehlt es an der migrantischen Zielgruppe. Die Weiterbildungsorganisation wendet sich an einen migrantischen Frauenverein, der ebenfalls ehrenamtlich zu verschiedenen Themen – auch Gesundheit – mit den Frauen arbeitet. Der Bildungsträger bittet, dass Frauen zu ihnen geschickt werden sollen.

Der migrantische Frauenverein möchte das nicht. Die Vertrauensarbeit mit den ratsuchenden Frauen ist seit Jahren etabliert – wird das gar nicht wahrgenommen, zählt die eigene Arbeit denn nicht? Der Bildungsträger ist enttäuscht, dass hier „gemauert“ wird und eine Zusammenarbeit nicht realisiert werden kann.

Migrantinnen- und Migrantenorganisationen arbeiten häufig ausschließlich mit Ehrenamtlichen und spenden Zeit, Energie und auch eigene finanzielle Ressourcen. Das tun viele seit vielen Jahren. Gern würden sie selber auch gleichberechtigte Partnerinnen bzw. Partner sein, auf Augenhöhe und mit finanzieller Beteiligung an den Fördergeldern. Die Migrantinnen- und Migrantenorganisationen wünschen sich die Einbindung in die Projekte von Beginn an bei der Planung und nicht nur im Bereich der Zielgruppenansprache.

 Viele der Migrantinnen- und Migrantenorganisationen haben wenig personelle Ressourcen, keine oder nur eine geringe Anzahl angestellter Mitarbeiterinnen bzw. Mitarbeiter und konnten deshalb bisher wenig Erfahrungen sammeln, sowohl bei der Antragstellung als auch bei der Durchführung von Projekten und den Erfordernissen der Umsetzung unter Berücksichtigung der Projektauflagen der Fördermittelgeber. Kleinere Organisationen haben auch häufig keine oder keine ausreichenden Räume. Hier braucht es viel Verständnis, Erläuterungen und Transparenz der erfahrenen Institutionen, um die Zusammenarbeit reibungslos durchführen, dokumentieren und abwickeln zu können. Dafür sollten Zeit und Ressourcen eingeplant werden.

Bei jedweder Kooperation entscheidet jeder Träger immer wieder aufs Neue, was in der Zusammenarbeit erwartet und notwendig ist. Für die Zusammenarbeit mit einer Migrantinnen- und Migrantenorganisation ist dieser Vorgang übertragbar. Für eine mögliche Kooperation mit Migrantinnen- und Migrantenorganisationen scheint es häufig von größerer Bedeutung zu sein, in welchem Maße eine politische oder religiöse Orientierung die Arbeit des potentiellen Kooperationspartners prägt. Hier sind Stimmen nach Verfassungsschutzberichten oder anderen staatlichen Kontrollorganen oft hörbar, auch deshalb, weil Webauftritte wenig aussagekräftig oder durch eine fremde Sprache nicht verständlich sind. Migrantinnen- und Migrantenorganisationen sehen diese Skepsis häufig als unverhältnismäßig, da auch umgekehrt die Migrantinnen- und Migrantenorganisationen keine Berichte über Träger einholen oder einsehen, mit denen Kooperationen angedacht sind. Fingerspitzengefühl ist hier dringend angeraten, um insbesondere zu Beginn einer möglichen Zusammenarbeit auf die Belange aller Beteiligten sensibel reagieren zu können.

Kontaktaufnahme & Netzwerkarbeit 

  •  Wo finde ich Migrantenorganisationen und migrantische Netzwerke?

Nach der generellen Entscheidung in einem Projekt oder Arbeitszusammenhang mit einer migrantischen Organisation zu kooperieren, folgt dann die Auswahl. Hier ist es oft nicht einfach, Partner zu finden. Dabei ist die passgenaue Auswahl sehr wichtig für den Erfolg der Kooperation. Fragen nach der Art der Zielgruppe, der Auswahl der Muttersprache(n) und der Thematik sind entscheidend für die Wahl.

Nachdem die Auswahl konkretisiert wurde, sollte dann die Kontaktaufnahme erfolgen. Hierbei ist es nicht immer gegeben, dass die gewählten Organisationen über E-Mail oder Telefon jederzeit erreichbar sind. Eine telefonische Kontaktaufnahme vorab ist empfehlenswert. Da einige der Funktionsträger die Position ehrenamtlich ausüben, sollte die Kontaktaufnahme auch mehrfach versucht werden.

  • Warum sollte die Migrantenorganisation mit mir zusammenarbeiten?

Bei Kooperationen sind Win-Win-Situationen gefragt. Auch Migrantinnen- und Migrantenorganisationen fragen sich nach dem Mehrwert einer möglichen Kooperation. Hier zählt mehr und mehr auch eine finanzielle Beteiligung. Über viele Jahre, teilweise Jahrzehnte, sind Migrantinnen- und Migrantenorganisationen immer wieder Kooperationen eingegangen, bei denen die positiven Aspekte für sie zu wenig wirksam waren.

Häufig fühlten sich die Migrantinnen- und Migrantenorganisationen zu wenig geachtet. Immer noch erhalten fast ausschließlich Organisationen der Mehrheitsgesellschaft Projektgelder und haben damit Einfluss auf bestehende Initiativen und Aktionen.

Interessant könnte es für migrantische Organisationen auch sein, über die Kooperation mit Ihnen und dem Projekt hinaus in bisher unbekannte Netzwerke eingeführt zu werden. Die Kooperationspartner könnten sich gegenseitig ihren Netzwerkpartnern vorstellen und eine weitergehende zukünftige Kooperation und Vernetzung anstoßen.

  • Wie soll die Kooperation gestaltet werden?

Am Anfang steht die Wertschätzung. Migrantinnen- und Migrantenorganisationen engagieren sich schon lange – bekommen häufig kein Geld dafür und dennoch wird dieses Engagement von der Gesellschaft wenig wahrgenommen. Beginnen Sie selber mit Interesse, was die Organisationen bereits alles anbieten. Informieren Sie sich und fragen Sie nach.

Ein Beispiel aus der Praxis

 Im Projekt ABCami – Alphabetisierung und Grundbildung in Moscheen und im Projekt KASA3 werden Menschen mit Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben unterstützt. Das Projekt wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Das Projekt leistet aufsuchende, niedrigschwellige Bildungsarbeit. Dabei werden verschiedene Lernorte wie Moscheen und Migrantinnen- und Migrantenorganisationen genutzt. Den Unterricht führen Personen aus den Gemeinden durch, die während der Projektlaufzeit auch weiter qualifiziert werden. Die Partnerorganisationen werden auf Augenhöhe einbezogen. Wertschätzung ist hier der Schlüssel der Kooperation. Zur Veranschaulichung findet sich unter folgendem Link ein Video zu der beschriebenen Arbeit: https://www.youtube.com/watch?v=ouNP0-Rs4is (Zugriff am 05.05.2020).

Gemeinsame Ziele sind der Motor der Kooperation. Die Zieldefinition sollte am Anfang stehen und beide Partner sollten die Ziele auch gemeinsam formulieren. Danach sollte deutlich werden, wer welche Aufgaben übernimmt und auch durchführen kann. Meiner Erfahrung nach ist der Wunsch und die Bereitschaft, eine Aufgabe zu übernehmen, groß, allerdings kann die Komplexität häufig aufgrund mangelnder Erfahrungen mit Projektförderungen seitens der Migrantinnen- und Migrantenorganisationen selten realistisch eingeschätzt werden. Eine genaue Beschreibung ist vonnöten, um Frustration zu vermeiden. Insbesondere sollte zu Beginn bereits festgelegt werden, welche Dokumentationspflichten in welcher Art und zu welchem Zeitpunkt erforderlich sind. Scheinbare Selbstverständlichkeiten sind nur für diejenigen selbstverständlich, die sie bereits kennen und stetig anwenden (z. B. Rechnungen mit Steuernummer). 

 Zusammenarbeit & Umsetzung 

  • Welche Fragen möchte ich bezüglich meiner Kooperationsthemen klären?

Migrantinnen- und Migrantenorganisationen möchten nicht auf integrationspolitische Anliegen oder reine Sprachmittlung reduziert werden. Sie möchten ernst genommen werden in einem inhaltlichen Diskurs. Die Migrantinnen- und Migrantenorganisationen wünschen sich, dass sie einbezogen werden in ihrer jeweiligen Fachlichkeit. Fragestellungen an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Migrantinnen- und Migrantenorganisation werden sicherlich offen und positiv aufgenommen. Damit wird eine Wertschätzung für Sachthemen und die bisher geleistete Arbeit seitens der Weiterbildungsorganisation gegenüber der Migrantinnen- und Migrantenorganisation deutlich. Die Perspektiven können inhaltlich für beide Institutionen erweiternd und bereichernd sein.

  • Welche inhaltlichen Veränderungen sind tragbar?

Die Frage, wie sehr ich mich als Einrichtung auf Veränderungen gegenüber meiner Ursprungsidee einlassen will, ist entscheidend für die Planung der Kooperation. Dazu ist eine gegenseitige Offenheit der Partner unabdingbar. Der Perspektivwechsel kann bereichernd und hilfreich sein, aber erfordert auch Offenheit und Flexibilität in der Konzeptionierung und Umsetzung. Ideen und Vorgehensweisen können ganz oder teilweise durch unterschiedliche Sichtweisen in Frage gestellt werden. Hier bietet es sich an, konstruktiv zuzuhören, einander wertschätzend Fragen zu stellen und sich auf die Vorschläge einzulassen. Basierend auf dem gemeinsamen Ziel kann so ein gemeinsamer Weg entstehen, der zu Beginn der Kooperation vielleicht anders geplant war. Hiermit stellen sich vermeintliche Sicherheiten auf den Kopf und neue Wege entstehen. Dazu gehört auch Mut von allen Beteiligten.

Referenzen

Pries, L. (2013). Was sind Migranten(selbst)organisationen? | bpb, Bundeszentrale für politische Bildung.  Verfügbar unter https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/kurzdossiers/158870/was-sind-migrantenselbstorganisationen. Zuletzt abgerufen am 05.05.2020.

 SVR-Forschungsbereich (2019). Anerkannte Partner – unbekannte Größe? Migrantenorganisationen in der deutschen Einwanderungsgesellschaft, Berlin, SVR-Forschungsbereich. Verfügbar unter https://www.svr-migration.de/wp-content/uploads/2019/11/SVR-FB_Policy-Brief-Migrantenorganisationen.pdf. Zuletzt abgerufen am 05.05.2020.

 Stifterverband (o. J.).  Verfügbar unter https://stifterverband.org/migrantenorganisationen-in-deutschland. Zuletzt abgerufen am 05.05.2020.

 Projektwebseite ABCami. Verfügbar unter https://www.abcami.de/. Zuletzt abgerufen am 05.05.2020. 

 Projektwebseite KASA. Verfügbar unter https://kasa.giz.berlin/. Zuletzt abgerufen am 05.05.2020.