Die Einrichtung

 Das Evangelische Erwachsenenbildungswerk Westfalen und Lippe e.V. (EBW) ist seit über 40 Jahren ein öffentlich anerkannter Weiterbildungsträger in Nordrhein-Westfalen (NRW). Der Rechtsform nach handelt es sich um einen eingetragenen Verein mit 36 Mitgliedern, die ganz überwiegend aus dem Bereich der Evangelischen Kirche kommen. Mit rd. 80 hauptberuflichen pädagogischen Mitarbeitenden und jährlich rd. 112 000 Teilnehmenden sowie über 7000 Veranstaltungsangeboten stellt das EBW den bundesweit größten evangelischen Erwachsenenbildungsträger dar. Die beiden evangelischen Landeskirchen Westfalen und Lippe sowie das Land NRW sichern die Grundfinanzierung.

 Die Bildungsangebote des EBW richten sich an alle Interessierten. Ein inhaltlicher Schwerpunkt liegt im Bereich der (inter-)religiösen Bildung, das Angebot deckt aber ebenso aktuelle gesellschaftliche Fragen, politische und kulturelle Bildung, berufliche Fortbildungen, Sprach- und Integrationskurse oder Kurse der Familienbildung ab.

 Ausgangspunkt

 Das EBW verfolgt den Anspruch, Bildung „für alle“ Menschen in Deutschland anzubieten. Tatsächlich aber sind in den Veranstaltungen des Bildungswerks – wie generell in Angeboten der Erwachsenenbildung in Deutschland – jedoch Menschen mit Migrationshintergrund unterrepräsentiert. Dies ist den Verantwortlichen im Jahr 2015 angesichts der sogenannten „Flüchtlingskrise“ besonders deutlich geworden, als sie verstärkt damit begonnen haben, Haupt- und Ehrenamtliche im Feld „Interkulturelle Kompetenz“ zu qualifizieren.

 Die Notwendigkeit einer stärkeren interkulturellen Öffnung war unübersehbar. Mit Hilfe einer solchen Weiterentwicklung sollte es gelingen, Menschen mit Migrationshintergrund stärker für die bestehenden Angebote zu interessieren bzw. diese Angebote besser auf die Bedarfe von Menschen mit Migrationshintergrund hin auszurichten und entsprechende Barrieren in der eigenen Einrichtung zu erkennen und abzubauen.

 Maßnahmen

 Am Anfang stand die Idee, die verstärkte Zusammenarbeit mit Migrantenorganisationen zu suchen, um gemeinsam Öffnungs- und Kooperationsprozesse zu initiieren. Dies konnte über die erfolgreiche Einwerbung eines Drittmittelprojekts zur interkulturellen Öffnung auf den Weg gebracht werden.

 Den Verantwortlichen im Bildungswerk war schon in der Phase der Beantragung klar, dass dieser Prozess der interkulturellen Öffnung auch die eigene Organisation verändern würde. Dass im Projektzeitraum dann tatsächlich auch ein neues Leitbild und eine Änderung der Satzung auf den Weg gebracht und verabschiedet werden konnten, war zu dem Zeitpunkt aber noch nicht abzusehen.

 

1. Netzwerkaufbau durch Projektförderung

Ein zentrales Anliegen des Bildungswerks im Zuge der interkulturellen Neuausrichtung war es, sich stärker mit Migrantenorganisationen zu vernetzen, bzw. überhaupt erst einmal ein solches Netzwerk aufzubauen. Hierdurch erhoffte man sich, Zugangsbarrieren in der eigenen Organisation identifizieren zu können, die Bedarfe dieser Communities besser verstehen zu können und sich miteinander zu einer inklusiveren Bildungslandschaft entwickeln zu können.

Eine Ausschreibung des Bundesinnenministeriums in der Förderlinie „Gemeinwesenorientierte Integrationsprojekte (GWO)“ wurde von der EBW-Leitung als Chance genutzt, den geplanten Prozess zur interkulturellen Neuausrichtung mit zusätzlichen Ressourcen stärker vorantreiben zu können. Das Bildungswerk warb erfolgreich Mittel für ein dreijähriges Projekt ein, das darauf ausgerichtet war, Strukturen und Angebote hin zu einer transkulturellen und inklusiven Weiterbildungslandschaft zu entwickeln.

 Konkret sah das Projekt vor, an drei Regionalstellen des EBW Kooperationen mit jeweils drei Migrantenorganisationen zu initiieren und zu festigen, welche schließlich in die Entwicklung und Durchführung gemeinsamer Angebote münden sollten.

2. Neues Leitbild

Das neue Leitbild lässt die frühere explizite Anbindung an den evangelischen Hintergrund hinter sich und wählt stattdessen eine deutlich offenere Formulierung. Vorausgegangen waren intensive und kontroverse Diskussionen in allen Gremien, wie der Spagat zwischen eigenem Profil und interkultureller Öffnung gelingen kann. Das neue Leitbild verdeutlich das eigene religiöse Profil in zwei Selbstaussagen: Wir vertrauen auf die Gegenwart Gottes. Und: Wir stellen uns der Vielfalt der Religionen und Weltanschauungen. Erhalten bleibt also der Bezug zur spirituellen Dimension, doch in einer Form, die religiös und konfessionell offen ist. Diese Formulierungen signalisieren Offenheit gegenüber anderen Religionen und Weltanschauungen sowie den Willen zu Dialog und Inklusion. Um die Signalwirkung des Leitbilds nach außen zu erhöhen, wurde es zudem kürzer und prägnant formuliert und in einer leicht verständlichen Sprache und grafisch übersichtlich gestaltet.

3. Neue Satzung

Passend zum neuen Leitbild wurde eine wesentliche Änderung an der Vereinsatzung vorgenommen: Sie ermöglicht nun auch nicht-evangelischen Organisationen eine Mitgliedschaft im EBW. Für interkulturelle Öffnung wurde damit eine weitere wichtige Grundlage geschaffen. Eine Mitgliedschaft im EBW bietet den Vorteil, dass die Mitgliedseinrichtung vermittelt über das EBW im Rahmen des Weiterbildungsgesetzes Nordrhein-Westfalen gefördert werden kann, ohne selbst ein anerkannter Bildungsträger zu sein. Da die Hürden für eine Anerkennung in Nordrhein-Westfalen hoch liegen, ist eine Mitgliedschaft im EBW gerade für kleinere Einrichtungen somit auch finanziell attraktiv, zumal sie dann den Service des großen Werkes, z. B. im Bereich Qualitätsmanagement und bildungspolitische Vertretung, in Anspruch nehmen können. Für das EBW wiederum eröffnen sich dadurch zusätzliche Möglichkeiten, sich u. a. mit Migrantenorganisationen, die von dieser Neuregelung profitieren können, kooperativ zu verbinden und von deren Expertise und Zugängen zu anderen Teilnehmendengruppen zu profitieren.

 

Erfolgreiche interkulturelle Öffnung durch Kooperation

 Nach dreijähriger Projektlaufzeit kann das Bildungswerk auf eine Vielzahl erfolgreicher Aktivitäten und neuer Erfahrungen zurückblicken.

 So konnten vertiefte Kontakte zu unterschiedlichsten neuen Partnern geknüpft werden, darunter Kulturvereine (italienisch, russisch, türkisch), religiöse Vereine bzw. Gemeinden (alevitisch, jüdisch, jesidisch, griechisch-orthodox) sowie eine Geflüchteteninitiative; und es konnten mit diesen Partnern in unterschiedlichen kooperativen Konstellationen zahlreiche neue Bildungsformate durchgeführt werden (z. B. Kulturabende mit Vorträgen und Lesungen, Ausstellungen, Backkurse, Studienreisen), für die wiederum neue Zielgruppen als Teilnehmende erschlossen werden konnten.

 Parallel wurden die anstehenden internen Veränderungsbedarfe sichtbarer und in Angriff genommen: Es begann mit Fortbildungsangeboten für Haupt- und Ehrenamtliche zu Themen wie transkulturelle Kompetenz, Religionen in Deutschland, rassismuskritischer Sprachgebrauch etc. und führte dann zu einer Sichtung des Leitbildes und der Satzung. Erstmals wurde zudem eine hauptamtliche Mitarbeiterin nicht-evangelischer und nicht-christlicher Konfessionszugehörigkeit als Studienleiterin eingestellt. Diese nahm bei der Projektdurchführung dann auch eine zentrale koordinierende Funktion wahr. Ohne sie wäre der Zugang zu den Migrantenorganisationen in dieser Weise nicht möglich gewesen.

 

Herausforderungen der Netzwerkarbeit

 Wie das Projekt zeigte, ist der Ansatz, eine interkulturelle Organisationsentwicklung mit gezieltem Netzwerkaufbau zu verbinden, eine erfolgversprechende Strategie. Gleichzeitig stellte es sich als komplexes und herausforderndes Unterfangen dar, mit neuen und bisher unbekannten Partnern Kooperationen auf ungewohntem Terrain aufzubauen.

 Im folgenden Podcast berichtet Frau Rösener, Geschäftsführerin des EBW, darüber, welche Erfahrungen das EBW dabei gemacht hat, welche besonderen Herausforderungen bei Aufbau und Pflege des Netzwerks mit Migrantenselbstorganisationen auftraten und welche Lösungsansätze sich als erfolgreich erwiesen haben. Und schließlich beantwortet sie die Frage, warum man als Weiterbildungseinrichtung überhaupt mit Migrantenselbstorganisationen kooperieren sollte.

Podcast

Referenzen

Sterzenbach, K. (2018). Gut vernetzt – gut beraten. Neue Wege in der Bildungsberatung zugewanderter Menschen. weiter bilden. DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung 26 (2), 26-29.