Der folgende Erklärfilm führt in das Thema ein, indem er die Begrifflichkeit "Menschen mit Migrationshintergrund" erklärt und kritisch reflektiert.

Video "Menschen mit Migrationshintergrund"

Die Definition des weit verbreiteten Terminus „Menschen mit Migrationshintergrund“ beschreibt eine hochabstrakte und sehr umfassende Kategorie. Sie fasst u. a. unterschiedlichste Anlässe, Dauern, räumliche Bezüge und verschiedene Formen des Rechtstatus von Migration zusammen und spricht – so die Kritik – u. a. auch Menschen, die die deutsche Staatsbürgerschaft haben oder in Deutschland aufgewachsenen sind, implizit einen Sonderstatus als nicht dazugehörig oder integrationsbedürftig (Öztürk, 2014, S. 17) zu. Den entsprechenden Unmut, den Betroffene darüber verspüren, verdeutlicht die folgende Aussage:

„Ich lebe viel länger hier, als ich im Iran gelebt habe. Ich spreche mittlerweile viel besser Deutsch als Persisch. Ich besitze den deutschen Pass. Trotzdem werde ich immer mal wieder daran erinnert, dass mich manche Menschen als die Andere, die Fremde und deswegen, nur deswegen, als Unterlegene betrachten.”

(Spohn, 2006 zit. nach Öztürk, 2014, S. 18)

Kritische Ansätze (z. B. Heinemann, 2018) argumentieren, dass die Konstruktion von Unterscheidungen wie „Mensch mit Migrationshintergrund“ versus „Mensch ohne Migrationshintergrund“ gesellschaftliche Entscheidungspraxen etablieren, die es gesamtgesellschaftlich und insbesondere in öffentlichen Bildungsorganisationen zu hinterfragen gilt. Denn: Diese Kategorien reproduzieren unter Umständen unangemessene „Schubladen“ und einhergehende Zuschreibungen, in denen sich die angesprochene Zielgruppe nicht wiederfindet und sich somit nicht angesprochen fühlt.

Im Folgenden erfahren Sie noch mehr zum begrifflichen Konstrukt „Menschen mit Migrationshintergrund“. Durch einen Klick auf die Überschrift öffnen sich die Inhalte.

 Menschen mit Migrationshintergrund – ein begriffliches  Konstrukt

Begriffliche Konstruktionen wie „Mensch mit Migrationshintergrund“ bestimmen die Alltagssprache und Politik und damit weite Teile der Umwelt von Weiterbildungsorganisationen. Ihnen unterliegen oftmals auch Dozierende, Programmplanende oder Menschen in Leitungspositionen der Weiterbildung. Der Begriff Mensch mit Migrationshintergrund und seine Definition schaffen Realität in Förderbestimmungen, Statistiken und Pressemeldungen, an denen sich Weiterbildungsorganisationen orientieren bzw. teilweise orientieren müssen. Die kritischen Ansätze der Migrationsforschung legen daher nahe, begriffliche Konstruktionen zu hinterfragen und andere (Gegen-)Kategorien zu entwerfen, die inhaltlich besser zutreffen. So wäre es möglich, die Zielgruppe „Mensch mit Migrationshintergrund“ auszudifferenzieren bspw. durch Unterscheidungen wie „Flüchtlinge aus Kriegsgebieten, vornehmlich die Länder X, Y und Z“, „Migrantinnen der so genannten Gastarbeitergeneration“ oder „Unternehmerinnen mit Migrations­geschichte“ (Laros, 2016). Mit solchen Kategorien wird es möglich, sich sehr konkret mit den eigenen Zielgruppen zu befassen und entsprechende organisationale Maßnahmen der Öffnung einzuleiten. Gleichzeitig löst das Entwerfen alternativer Begriffe nicht alleine das Dilemma: Auch anhand der o. g. Benennungen erfolgt Segregation, die Konstruktion von Nicht-Zugehörigkeit und damit die Reproduktion von Ungleichheit und Ausschluss. Dennoch etabliert eine Reflexion der Konstruktionsprozesse von Begriffen eine Art Gegenerzählung, die dem gesellschaftlichen Mainstream widerspricht und Unterscheidungspraxen zumindest in Frage stellt (Heinemann, 2018). Gleichzeitig erfolgt eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Zielgruppe und ggf. die Etablierung differenzierter Bildungsangebote.

Hilfreich für die Reflexion von Konstruktionsprozessen ist es, etablierte Konstrukte zu kennen und über diese in Bezug auf Einschluss und Ausschluss nachzudenken:

Öztürk (2014) listet exemplarisch und ohne Anspruch auf Vollständigkeit auf: „Ausländer/in, Migrant/in, Asylant/in, Flüchtling, Zuwander/er/in, Deutsche/r mit Migrationshintergrund, Arbeitsmigrant/in, (Spät-)Aussiedler/in, Person mit nicht deutscher Herkunftssprache, Person mit Migrationshintergrund, Person mit Zuwanderungsgeschichte“ (S. 17). Während diese Aufzählung Begriffe in den Vordergrund stellt, die aus der nationalen Sicht Deutschlands besonders relevant sind, so kommen mit der Etablierung supranationaler Regelungen in der EU weitere rechtliche Konstrukte hinzu wie z.B. „EU-Inländer/In“.

Einen weiteren Ansatzpunkt für die Dekonstruktion von Begriffen und ggf. deren Neukonstruktion bildet die Ausdifferenzierung der Merkmale, durch die sich Migration in unterschiedlicher Weise kennzeichnen lässt. Öztürk (2014) schlägt dazu die Dimensionen zeitliche Merkmale, räumliche Merkmale sowie Migrationsentscheidung vor. Sie sind in der nachstehenden Mindmap visualisiert.

Gerade die Dimension der Migrationsentscheidung zeigt deutlich, dass es sich um idealtypische Unterscheidungen handelt: Ab welcher Zeitspanne Migration nicht mehr temporär ist, ist genauso streitbar wie die abschließende Beantwortung der Frage, unter welchen Bedingungen eine Migrationsentscheidung als freiwillig eingestuft werden kann.

Das Bild zeigt eine Mindmap zur Ausdifferenzierung des Migrationsbegriffs nach Öztürk 2014.

Abb. 1: Mindmap zur Ausdifferenzierung des Migrationsbegriffes (eigene Darstellung nach Öztürk 2014, S. 12-16).

 Der Rechtsstatus im Aufnahmeland als weiteres Differenzierungskriterium 

Ein weiteres Differenzierungskriterium für Migration bietet der Rechtsstatus im Aufnahmeland als eine für die pädagogische Arbeit relevante  Kategorie.

Ausländerinnen und Ausländer

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Referenzen:

Manage2Integrate (2020). Menschen mit Migrationshintergrund – ein begriffliches Konstrukt. Einführung. Lernmaterial für das Projekt Manage2Integrate, Juni 2020. Herausgegeben durch das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen e.V. 

Bundeszentrale für politische Bildung (2018, 14. Mai). Dossier Migration | bpb. Bundeszentrale für politische Bildung. Zugriff am 12.06.2020. Verfügbar unter https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/

Heinemann, A. (2018). Institutionelle Öffnung ‒ einige rahmende Anmerkungen. In A. Heinemann, M. Stoffels & S. Wachter (Hrsg.), Erwachsenenbildung für die Migrationsgesellschaft. Institutionelle Öffnung als diskriminierungskritische Organisationsentwicklung (Perspektive Praxis, S. 11–39). Bielefeld: wbv Bertelsmann.

Laros, A. (2016). Lernprozesse von Unternehmerinnen mit Migrationsgeschichte. Gesellschaftlichen Wandel fördern. Weiterbildung. Zeitschrift für Grundlagen, Praxis, Trends (3), 27–29.

Öztürk, H. (2014). Migration und Erwachsenenbildung (Studientexte für Erwachsenenbildung, 1. Aufl.). Bielefeld: wbv Bertelsmann.