Die Motivstruktur einer Person zu kennen bedeutet zu wissen, welche Ziele für sie motivierend sind und, auf der anderen Seite, welche Situationen Furcht hervorrufen und daher oft gemieden werden. Wenn eine Person sich ein bestimmtes Ziel setzt, zum Beispiel eine Prüfung abzulegen, dann kann die Kenntnis der Motivstruktur dieser Person dabei helfen, mögliche Probleme bei der Verfolgung dieses Ziels schon im Vorfeld zu identifizieren.
 

Zwei Beispiele

1.  Misserfolgsängstliche Lernende

Eine starke Angst vor Misserfolg kann zur Folge haben, dass eine Person schon auf dem Weg zum Ziel meidende Strategien einsetzt. Statt zu lernen wird sie eher Ablenkung (am Handy, in Nebengesprächen etc.) suchen und damit die Wahrscheinlichkeit einer Zielverwirklichung verringern. 

2. Nach Erfolg strebende Lernende

Eine  an  sozialen Gütemaßstäben  orientierte  Person  wird unterschiedlich auf die in einem Weiterbildungangebot eingesetzten Arbeits- und Sozialformen reagieren (Einzelkämpfertum, Gruppenführender etc.) und sich unterschiedlich für sich bzw. die Gruppe engagieren (Passivität, Beste/r sein etc.). 

 

Unterscheidung von 3 Motivstrukturen

  1. Hoch leistungsmotivierte Lernende erbringen ihre besten Leistungen in Einzelarbeit  und interessieren sich wenig für ihr soziales Umfeld.
  2. Hoch anschlussmotivierte Teilnehmende lernen am besten, wenn sie in Kleingruppen vorgehen und sich austauschen können.
  3. Hoch  machtorientierten Lernenden geht es im Wesentlichen um Aufmerksamkeit für die eigene Person und sie versuchen, unabhängig der Sozialform im Mittelpunkt des Lehr-Lerngeschehens zu stehen.

 

 

Verhalten Lernender, Bild: www.pixabay.com, Freie kommerzielle Nutzung

 

Motivstrukturen von Teilnehmenden  nutzen

Die Motivation hängt also davon ab, in welcher Anreizstruktur der Lernprozess eingebettet ist. Wenn man die Motivstruktur der Lernenden kennt, kann man versuchen, die Anreizstruktur des anstehenden Lernprozesses mit seinem dominanten Motiv in Einklang zu bringen.

Gegenüber leistungsmotivierten Lernenden kann man in der Hinführung die Bedeutung von Gütemaßstäben (Übertreffen der eigenen bisherigen Lernerfolge) betonen. Hat man es dagegen zum Beispiel mit hoch machtmotivierten Lernenden zu tun, dann können die Anreize eines Vergleichs mit anderen für das Machtmotiv thematisiert werden (Belohnung des Besten, Schnellsten,…). Anschlussmotivierte Lernende kann man mit bestimmten Formen der Bearbeitung von Aufgaben motivieren, die sie selbst bzw. eine  Gruppe, der sie angehören,  weiterbringen können.

Da es in der Praxis kaum möglich und sinnvoll ist, über eine Arbeits- und Sozialform die passenden Anreize für alle Teilnehmenden zu schaffen, ist eine optimale Motivierung am ehesten durch ein binnendifferenziertes Vorgehen möglich, bei dem verschiedene Aufgaben und Lernformen parallel umgesetzt werden können.


Referenzen

Siebert, H. (2006). Lernmotivation und Bildungsbeteiligung. Studientexte für Erwachsenenbildung. Bielefeld: Bertelsmann.

Langens, T., Schmalt, H. & Sokolowski, K. (2005). Motivmessung: Grundlagen und Anwendungen. In R. Vollmeyer & J. Brunstein (Hrsg.), Motivationspsychologie und ihre Anwendung (3. Auflage, S. 72-91). Stuttgart: Kohlhammer.