Welche Faktoren prägen ein kollektives Werteverständnis und wie ist dieses politisch verankert? Um diese Frage zu beantworten, eignet sich die Europäische Union besonders gut. Gerade wenn es in Bildungsveranstaltungen um Diskussionen zu Integration, Flucht, Gleichberechtigung, Vielfalt, Armut und noch vieles mehr geht, ist es gut und wichtig, die Hintergründe der Entwicklung des europäischen Wertekonzepts zu kennen. Damit lassen sich Wertediskussionen auch in einen größeren gesellschaftlichen Kontext stellen.

Die Europäische Union  und ihr Wertebezug

Bereits in den Vorgängergemeinschaften der Europäischen Union war klar, dass das Ziel der Zusammenarbeit dem Erhalt gemeinsamer Werte dienen solle. Als sich die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) 1951 gründete standen vorrangig wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Allerdings fand damals bereits – noch unter dem Eindruck der Kriegserlebnisse stehend – eine Verständigung auf gemeinsame Werte statt. So wurde „Frieden“ als Wert definiert, der die Gemeinschaft ausmachen sollte.

Diesem und weiteren Werten verpflichtet, wurde 1988 ein Bildungsziel der Europäischen Gemeinschaft entwickelt, die Auseinandersetzung mit den ideellen Grundlagen Europas wurde als Auftrag zur Verbreitung und Vermittlung innerhalb Europas formuliert. Der Beschluss sieht vor, „das Bewusstsein der jungen Menschen für die europäische Identität zu stärken und ihnen den Wert der europäischen Kultur und der Grundlagen, auf welche die Völker Europas ihre Entwicklung heute stützen wollen, nämlich insbesondere die Wahrung der Grundsätze der Demokratie, der sozialen Gerechtigkeit und der Achtung der Menschenrechte zu verdeutlichen“ (Amtsblatt EG 1988, S. 1).

Die Auseinandersetzung mit den europäischen Idealen mündete 2009 schließlich in der Festschreibung der Europäischen Grundwerte. Durch den „Vertrag von Lissabon“ wurde die Einhaltung der Grundwerte normiert, wodurch die Einhaltung fortan innerhalb der Gemeinschaft einklagbar wurde. Überdies wird damit fixiert, was den Kern Europas ausmacht. Nach einem jahrzehntelangen Prozess kann es als Meilenstein gewertet werden, dass die Grundwerte einen allgemeingültigen Anspruch haben und jedem Bürger und jeder Bürgerin innerhalb der EU eine Vielzahl an Freiheiten und Rechten gewähren. Folgende Werte sind in Artikel 2 des Vertrags über die Europäische Union (EU-Vertrag) festgehalten:

  • Achtung der Menschenwürde
  • Freiheit
  • Demokratie
  • Gleichheit
  • Rechtsstaatlichkeit
  • Wahrung der Menschenrechte
  • Pluralismus
  • Nichtdiskriminierung
  • Toleranz
  • Gerechtigkeit
  • Solidarität
  • Gleichheit von Männern und Frauen

 

Klicken Sie auf die Fragezeichen im Bild, um sich Informationen zu  den europäischen Werten anzeigen zu lassen.

 

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Europäische Grundwerte, Bild: Eigene Darstellung

 

Durch die Bezugnahme auf die genannten Werte entkoppelt sich die Europäische Union von einem Bild, das Europa als ökonomische Interessengemeinschaft zeichnet. Die EU wird dadurch vielmehr zu einem Verbund, der durch ein kollektives Wertesystem Gemeinschaft definiert und schafft. (Würz 2014, S. 21)

Die Entwicklung der Werte in Europa

Bereits lang vor der Gründung der Europäischen Union gab es Bewegungen, die das europäische Wertegerüst geprägt haben. Der lange Weg von den feudalen Strukturen des späten Mittelalters bis zu den heutigen Freiheitsrechten wird in folgendem Video übersichtlich skizziert. Vor allem wird damit deutlich, dass der aktuelle Zustand keineswegs vom Himmel gefallen ist, sondern hart erkämpft werden musste. Desto klarer wird damit, dass der europäische Gedanke und die damit verbundenen Rechte fortwährend gesichert werden müssen, da sie eben nicht als selbstverständlich angenommen werden dürfen:

 


Video zur Verfügung gestellt mit freundlicher Genehmigung von TeamFreiheit.info ‒ humanistischer Verein zur Förderung von Demokratie und Menschenrechten. CC-BY-ND

Referenzen

AMT für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften (1988). Hrsg.: Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaft Nr. C 177/02: Entschließung des Rates und der im Rat vereinigten Minister für das Bildungswesen vom 24. Mai 1988. Amtsblatt vom 07. Juli 1988. Luxemburg. Zitiert: Amtsblatt EG 1988.

Moskaliuk, J. Universelle Werte nach Shalom H. Schwartz. Verfügbar unter: https://ichraum.de/free-tool-universelle-werte-nach-shalom-h-schwartz/ (zuletzt abgerufen am: 16.06.2020)

Würtz, J. (2014). Zur Förderung einer europäischen Werteorientierung bei Jugendlichen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Ziele und Werte der EU in Die EU - kurz gefasst. Verfügbar unter: https://europa.eu/european-union/about-eu/eu-in-brief_de  (zuletzt abgerufen am: 30.06.2021)