Wenn im Rahmen von Weiterbildungen von Gruppen gesprochen wird, dann handelt es sich entweder um die Kursgruppe als Ganzes oder um Lerngruppen innerhalb eines Kurses. Gemeint ist immer eine bestimmte Anzahl von Personen, die regelmäßig zusammenkommen und ein gemeinsames Lernziel vor Augen haben. Zu Beginn einer Weiterbildung sind sich die meisten Teilnehmenden untereinander noch fremd. Viele sind zunächst unsicher. Im Laufe der Zeit lernen sich alle dann besser kennen und wissen, „wie es hier so läuft“.

Die fünf Gruppenphasen

Bei Gruppen handelt es sich um dynamische Gefüge. Während einer Weiterbildung durchlaufen (Lern-)Gruppen im Allgemeinen fünf Entwicklungsphasen, die sich idealtypisch charakterisieren lassen. Das bedeutet, dass bei jeder Veränderung (beispielsweise beim Hinzukommen neuer Teilnehmender oder bei einem Wechsel der Lehrkraft) erneut Standpunkte geklärt, mögliche Konflikte gelöst und neue Spielregeln ausgehandelt werden müssen.

Die beiden Sozialwissenschaftler Bernstein und Lowy beschrieben die fünf Gruppenphasen: In jeder Phase stehen andere fachliche Themen und Herausforderungen im Mittelpunkt. Die Lehrenden stehen vor der Herausforderung zu erkennen, in welcher Phase sich die Gruppe gerade befindet und die Feedback-Methoden der Kurs-Phase entsprechend anzupassen.  

Klicken Sie auf die grünen Kreuzchen in der Grafik, um mehr über die jeweilige Gruppenphase zu erfahren!

 

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Referenzen

Van Dick, R. & West, M. (2013). Teamwork, Teamdiagnose, Teamentwicklung. Göttingen: Hogrefe.

Klein, I. (2017). Gruppen leiten ohne Angst. Themenzentrierte Interaktion (TZI) zum Leiten von Gruppen und Teams. Augsburg: Auer.

Bernstein, S. & Lowy, L. (1988). Untersuchungen zur Sozialen Gruppenarbeit in Theorie und Praxis. Freiburg im Breisgau: Lambertus.

Vertiefende Inhalte

Die fünf Gruppenphasen 

Eine Gruppe ist ein für die Einzelnen überschaubares soziales Gebilde, das sich von anderen sozialen Gebilden (anderen Gruppen, der Gesamtgesellschaft) durch spezifische Merkmale abhebt. Eine Gruppe identifiziert sich über eine feste und begrenzte Anzahl von Personen, die sich zu einem bestimmten Zweck (ein gemeinsames Ziel) regelmäßig und persönlich trifft. Dies ist zum Beispiel bei Weiterbildungen der Fall.

In ihrer Entwicklung durchlaufen (Lern-)Gruppen im Allgemeinen fünf Phasen, die sich idealtypisch charakterisieren lassen. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass es sich bei Gruppen um dynamische Systeme handelt, d.h., dass bei Veränderungen und jedem Konflikt erneut Standpunkte geklärt, Konflikte gelöst und neue Spielregeln ausgehandelt werden müssen.

Es gibt verschiedene Modelle zu den Gruppenphasen. Eines der bekanntesten ist von Bernstein und Lowy:

 

Abbildung zu dem Kreislauf der Gruppenphasen

Die verschiedenen Phasen einer Gruppe nach Bernstein und Lowy, eigene Darstellung

Die Orientierungsphase

Sie ist die erste Phase in einem Gruppenprozess. Sie ist „das Ankommen“ in der Gruppe. In dieser Phase sind die Gruppenmitglieder eher unsicher und zurückhaltend. Die einzelnen Mitglieder gehen noch keine festen Bindungen ein, da sie oft nicht wissen, welches Verhalten in dieser Gruppe angemessen ist. Hier ist es Aufgabe der Lehrenden, die Teilnehmenden behutsam zu empfangen und dabei zu berücksichtigen, dass einige Mitglieder noch Distanz benötigen. Lehrende sollten hier bestenfalls Angebote eines Kontaktes machen und nicht dazu zwingen. Besonderheiten dieser Phase sind:

  • Gedanken, wie: „Neugierig bin ich schon, aber lieber ein bisschen vorsichtig!“
  • Es besteht der Wunsch nach Kontakt
  • Die Gruppenleiterin oder der Gruppenleiter ist Bezugsperson
  • Anderen Gruppenmitgliedern gegenüber reagieren Einzelne zurückhaltend
  • Die Gruppenmitglieder verhalten sich noch unsicher
  • Es gibt noch kein Gemeinschaftsgefühl
  • Man prüft: „lohnt es sich, mit diesen Menschen zusammen etwas zu tun?“
  • Das „Ich“ – Denken herrscht vor

 

Die Machtkampfphase

In dieser Phase werden die Rollen der späteren Gruppe verteilt. Vielen Teilnehmenden ist es wichtig, Einfluss auf das Gruppengeschehen zu nehmen und Macht auszuüben. Dies geschieht zum Teil dadurch, dass sich die Gruppenmitglieder gegen die Leitung auflehnen. Einigen Gruppen gelingt es nur schwer, diese Phase jemals zu überwinden, andere Gruppen fallen zum Teil immer dann in diesen „Machtkampf“ zurück, wenn es darum geht, neue Entscheidungen zu treffen.

In dieser Phase haben Lehrende die Aufgabe, negative Rollen Einzelner zu erkennen und, wenn möglich, gegenzusteuern. Beispielsweise müssen sie einen in die Außenseiterrolle geratenen Teilnehmenden wieder in die Gruppe einbinden oder sehr dominante Personen bremsen. Am wichtigsten ist es in dieser Phase jedoch, dass Lehrende erkennen, dass kleinere Konflikte und ein Kräftemessen dazugehören und nicht unterbunden werden sollten – jedenfalls nicht, so lange niemandem Schaden zugefügt wird. Besonderheiten dieser Phase sind:

  • „Wer bestimmt hier eigentlich?“
  • Rivalität steht im Vordergrund.
  • Es bilden sich Sympathien und Aggressionen.
  • Die Gruppenleitung wird in den ,,Kampf“ hineingezogen.
  • Es wird von den Gruppenmitgliedern eine Rangordnung in der Gruppe erkämpft.
  • „Ich“- Denken steht weiterhin im Vordergrund.
  • Beziehungen sind noch nicht stabil.
  • Alle müssen die eigene Rolle in der Gruppe finden.

 

Die Vertrautheitsphase

Ist die Rollenverteilung abgeschlossen, verringern sich die Konflikte in der Gruppe. Die Mitglieder können sich mittlerweile einschätzen und kennen die Regeln in der Gruppe. Die Einzelnen identifizieren sich mit der Gruppe und es entsteht ein Wir-Gefühl. Die Gruppe grenzt sich nun nach außen ab und bildet intern gegebenenfalls Untergruppen. In dieser Phase möchten alle gerne gleich sein.

Aufgabe der Lehrenden ist es nun, Freiräume zu schaffen, in denen ein Zusammengehörigkeits-Gefühl entsteht. Sie sollten außerdem die Gruppe beobachten und eventuelle Konflikte, die sie nicht selbst lösen kann, aufarbeiten. Besonderheiten dieser Phase sind:

  • „Wir gehören zusammen“
  • Stärken und Schwächen der einzelnen sind bekannt und werden toleriert.
  • Das ,,Wir-Gefühl“ kommt auf.
  • Aktionen einzelner Mitglieder kommen der ganzen Gruppe zugute.
  • Zahl der Teilnehmenden ist stabil geworden.
  • Die Gruppenleitung ist Vorbild.

 

Die Phase der Differenzierung

Mit dieser Phase wird die Gruppe „erwachsen“. Alle in der Gruppe freuen sich über die unterschiedlichen Fähigkeiten und Eigenarten der einzelnen Mitglieder und erkennen darin eine Bereicherung für die Bewältigung einer zielorientierten Aufgabe. Auch öffnet sich die Gruppe nun nach außen und die Einzelnen müssen nicht mehr alle gleich sein. Die Atmosphäre in der Gruppe wird als ideal und harmonisch wahrgenommen.

In dieser Phase kann und muss sich die Gruppenleitung zurückziehen, da die Gruppe nun fähig ist, Konflikte und kleinere Probleme selbst zu bewältigen. Doch überflüssig wird die Leitung auch in dieser Phase nicht. Besonderheiten dieser Phase sind:

  • „Alle in unserer Gruppe sind wichtig und helfen mit!“
  • Deutliche Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen
  • Die Gruppe ist in sich stabil und zu großen Leistungen fähig.
  • In der weiteren Entwicklung ist auch der Kontakt zu anderen Gruppen möglich.
  • „Das sind wir und das sind die Anderen!“
  • Nun sind selbstständige und längerfristige Planungen möglich.
  • Identifizierung durch Symbole
  • Höhepunkt des Gruppenprozesses
  • Die Gruppenleitung kann Aufgaben verteilen.

 

Die Trennungsphase

Eine Gruppe löst sich auf, wenn das Zusammensein nicht mehr als spannend erlebt wird oder das Gruppenziel erreicht wurde. Dies tritt zum Beispiel ein, wenn eine Weiterbildung endet. In dieser Phase kann es passieren, dass sich die Gruppe noch fester aneinander klammert oder aber, dass die Gruppenmitglieder wieder in die Fremdheitsphase zurückfallen.

Hier ist es für Lehrende wichtig zu erkennen, was die Gruppe in diesem Moment braucht. Sie müssen die Teilnehmenden ihre eigenen Wege gehen lassen und ihnen die Möglichkeit eines Abschiedes geben. Wenn es die Gelegenheit einer Begleitung in eine andere Gruppe gibt, können sie diese nutzen, um den Gruppenmitgliedern den Übergang zu erleichtern. Mehrere Lehrende können beispielsweise den Übergang gemeinsam gestalten. Besonderheiten dieser Phase sind:

  • „Schade, dass es nicht immer so weitergeht“
  • Es wachsen Gefühle gegen die Trennung.
  • Die Bedürfnisse sind gesättigt oder das Interesse verebbt.
  • Es kommt zur Auflösung der Gruppe.
  • Es wird viel davon gesprochen, wie es damals war.
  • Das Ziel ist erreicht.
  • „Trauerarbeit“ für die Kursleitung

Dieses Modell nach Bernstein und Lowy hilft Gruppen und Gruppenleitenden bzw. Weiterbildenden dabei,

  • Teambuilding zu erleichtern und Orientierung zu bieten,
  • zu verstehen, wie wichtig konstruktiv geführte Konflikte sind,
  • sich gut zu organisieren und nützliche Feedbackmechanismen einzuführen,
  • ideenreich und flexibel an die Arbeit zu gehen sowie
  • offen, hilfsbereit und solidarisch mit Teilnehmenden und Gruppenmitgliedern umzugehen.

Lehrende stehen vor der Herausforderung zu erkennen, in welcher Phase sich die Gruppe gerade befindet. Mithilfe dieses Modells können Sie den aktuellen Stand der Gruppe einschätzen, um sie zielgerichtet in die nächste Phase zu führen.

Referenzen

Van Dick, R. & West, M. (2013). Teamwork, Teamdiagnose, Teamentwicklung.  Göttingen: Hogrefe.

Klein, I. (2017). Gruppen leiten ohne Angst. Themenzentrierte Interaktion (TZI) zum Leiten von Gruppen und Teams. Augsburg: Auer.

Bernstein, S. & Lowy, L. (1988). Untersuchungen zur Sozialen Gruppenarbeit in Theorie und Praxis. Freiburg im Breisgau: Lambertus.