Profilbild von Spanischlehrer Klein

Christian Klein gibt regelmäßig Spanisch-Kurse. Am Ende des Semesters teilt er gewöhnlich Feedback-Bögen aus, die der Veranstalter für die Dokumentation und Qualitätssicherung braucht. Manchmal freut Herr Klein sich über das Feedback, aber es kommt auch oft vor, dass er erstaunt ist oder die Rückmeldungen ihn traurig machen. Schade nur, dass es dann bereits zu spät ist, um mit den Teilnehmenden darüber zu sprechen. Sich bereits im Verlauf des Kurses Feedback einzuholen, ist Christian Klein aber unangenehm. Mögliche Kritik würde ihn ja angreifbar machen. Oder?

Profilbild Tanja Malik

Tanja Malik hatte sich sehr gefreut, endlich wieder Zeit für den Kurs “Spanische Konversation” zu haben. Zu Beginn war sie total begeistert von Herrn Klein und seiner Art, den Unterricht zu gestalten. Sie schätzte vor allem, dass Herr Klein sich in der ersten Sitzung viel Zeit genommen hatte, um Anregungen aller Teilnehmenden zu seinem Programm abzufragen. Zu diesem Zeitpunkt konnte sie alles loswerden, was ihr wichtig war. Inzwischen sind ihr weitere Dinge aufgefallen, die sie gerne anbringen würde. Zum Beispiel würde sie gerne einmal eine ganze Gruppendiskussion auf Spanisch versuchen, statt Dialoge in stets denselben Kleingruppen zu führen. Außerdem fände sie es hilfreich, im Anschluss daran mit Herrn Klein eine Zusammenfassung gängiger Floskeln und Redewendungen zu erstellen. Zwei Mal hat sie dies anregen wollen und ist damit ins Leere gelaufen. Nun hat Tanja den Eindruck, dass Herr Klein zum Kursablauf gar nicht mehr angesprochen werden möchte. Sie empfindet das als sehr demotivierend. Im Moment beteiligt sie sich daher gar nicht und überlegt sogar, den Kurs ganz abzubrechen.

Wie Herrn Klein geht es vielen Lehrenden: Sie möchten auf der einen Seite eine Weiterbildung anbieten, die den Lernenden etwas bringt und sich auch als Lehrpersonen weiter entwickeln. Auf der anderen Seite wollen sie anerkannt und respektiert werden. Für viele Kursleitende ist Feedback deshalb ein heikles Thema.

 

Ein Trainer rauft sich die Haare bei dem Gedanken an Feedback von seinen Teilnehmenden. In drei Sprechblasen erscheinen seine formulierten Befürchtungen.

Niemand mag Kritik, eigene Darstellung

 

Die meisten Menschen hören nicht gerne Kritik

Kommt die Kritik unerwartet, sind wir verletzt. Erwarten wir sie, gehen wir ängstlich in die Defensive. Wenn uns jemand kritisiert, dann empfinden wir dies möglicherweise nicht als gut gemeinten Rat, sondern oft als Ablehnung unserer Person. Das Gefühl vermeintlicher Unvollkommenheit beeinträchtigt unser Selbstwertgefühl. Abwehrmechanismen wie Beschönigen oder Rechtfertigungen sind häufige Reaktionen. Das gilt auch für Lehrende.
Doch niemand ist perfekt. Kritik muss keinen negativen Beigeschmack haben. Im Gegenteil: Feedback kann eine gute Möglichkeit sein, die eigene Lehrtätigkeit zu verbessern und gezielt auf die Bedürfnisse der Lernenden einzugehen. Dazu ist es wichtig, mit Feedback selbstbewusst umzugehen: Feedback richtet sich nicht gegen meine Person. Es kann mir helfen, meine berufliche Professionalität weiterzuentwickeln.

Feedback als Bereicherung wahrnehmen

Durch Feedback lernen Menschen besonders gut. Studien (zum Beispiel Hattie, 2015) haben gezeigt, dass Lernende und Lehrende damit ihr Lern- und Lehrverhalten hinterfragen und gegebenenfalls verändern können. Wenden Sie die Karten, um die unterschiedlichen Gründe zu sehen.

 

This H5P content cannot be shown right now.
Did you just move this element? Reload the page to attempt to fix the problem.

 

Wenn sich Lehrende diese Vorteile vor Augen halten, ist es leichter, Feedback als Bereicherung für die Weiterbildung und die eigene Arbeit statt als Kritik an der eigenen Person wahrzunehmen.


Referenzen

Fengler, J. (2017). Feedback geben: Strategien und Übungen. Weinheim: Beltz.

Hattie, John A. C. (2015). Lernen sichtbar machen. (3. Aufl.). Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren.

Wilkening, M. (2016). Praxisbuch Feedback im Unterricht: Lernprozesse reflektieren und unterstützen. Weinheim: Beltz

Wolf, C. (2015). Feedback: Nur was erreicht, kann auch bewegen. Göttingen: BusinessVillage.

Stellamans, A., Baeijaert, L. (2015). The Art of Giving Feedback: Continuously adapting and improving our collaboration. Heverlee: Ilfaro

Slembek-Geissner (2001). Feedback. Das Selbstbild im Spiegel der Fremdbilder. St. Ingbert: Röhrig-Universitätsverlag

Brookhart, Susan (2008). How to Give Effective Feedback to Your Students. Alexandria, VA: ASCD

Boud, D., Molloy, E. (2013). Feedback in higher and professional education. London and New York: Routledge.

Vertiefende Inhalte

Warum fürchten sich viele vor Feedback?

Ich kann mich nicht auch noch mit Feedbackmethoden beschäftigen. Dann schaffe ich ja gar nichts mehr von meiner eigentlichen Arbeit. „Die Lernenden wollen nicht ständig beurteilt werden und es ändert auch gar nichts am Lernverhalten.“ 

So oder so ähnlich denken viele Lehrende. Aber warum ist das so? Wenden Sie die folgenden Karteikarten, um einige der Hauptprobleme für den schlechten Ruf von Feedback kennen zu lernen.

 

This H5P content cannot be shown right now.
Did you just move this element? Reload the page to attempt to fix the problem.

 

Die genannten Punkte sind häufige Gründe, Feedback in Weiterbildungen zu vermeiden oder aber in einer Form einzusetzen, die Lernenden nicht hilft, ihren Lernprozess zu verbessern. Lehrende haben jedoch die Möglichkeit, an allen Punkten anzusetzen und Feedback lernförderlich zu gestalten.

Das bedeutet konkret, dass Lehrende Kritik auch konstruktiv nutzen können. Ernsthaftes, ehrliches und differenziertes Feedback, aus dem Konsequenzen gezogen werden, trägt zur Verbesserung der Unterrichtsqualität bei.

Es ist nicht nur befriedigend, gute Arbeit zu leisten. Wer seine Lernenden nach der Qualität des eigenen Unterrichts und nach möglichen Verbesserungen befragt, tut damit vor allem einen wichtigen Schritt in Richtung einer größeren Zufriedenheit bei allen Beteiligten und löst damit wiederum einen sich selbst verstärkenden Kreislauf aus. Auf Seiten der Lernenden führt aber nicht nur die Verbesserung der Unterrichtsqualität zu größerer Zufriedenheit, höherer Motivation und besseren Leistungen. Allein die Tatsache, gefragt und ernst genommen zu werden ist ein Signal, das Lernende schätzen und honorieren. Die Sorge von Lehrkräften, durch Feedback "in die Pfanne gehauen" zu werden ist deshalb zumeist unbegründet.

Wichtig beim Lerner-Lehrer-Feedback ist, die Lernenden darauf vorzubereiten, Feedback zu geben. Es sollte deutlich werden, dass Feedback willkommen und erwünscht ist. Sie können Ihre Kursmitglieder zum Beispiel um eine Bewertung bitten, was Sie als Lehrende gut gemacht haben und was noch verbessert werden könnte. 

Referenzen

Boud, D. & Molloy, E. (2013). Feedback in higher and professional education. London and New York: Routledge.