Der folgende Erfahrungsbericht ist von der Pädagogin Susanne R., die bei einem großen Träger für die Betreuung des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) zuständig ist. 

Das Bild zeigt Susanne R. mit den Teilnehmenden des Freiwilligen Sozialen Jahres.

Teilnehmende des Freiwilligen Sozialen Jahres, Bild: Eigene Darstellung

 

„In jedem Jahr ab August/September haben wir etwa 28 bis 35 junge Menschen zwischen 16 und 28, die alle getrennt voneinander in kirchlichen Gesundheits- und Sozialeinrichtungen ihr 12-monatiges FSJ absolvieren. Das Spektrum reicht hierbei vom 16-jährigen, der die Schule geschmissen hat und das FSJ als Orientierung sieht, über die 20-jährige, die im FSJ „parkt“ und praktische Erfahrungen für ihr angestrebtes Medizinstudium sammelt, bis hin zu 35-jährigen, die eine Ausbildung oder sogar ein Studium und mehrere Berufsjahre hinter sich haben und nun „etwas Sinnvolles“ tun wollen. 

Teil des Jahres sind 25 Seminartage, die für die Teilnehmenden verpflichtend sind und die auf insgesamt fünf Seminarwochen, verteilt auf das FSJ, zusammengefasst werden. 

Die Themen für die Seminarwochen sind grundsätzlich festgelegt (Kennenlernen und Austausch, Rechte und Pflichten, Schlüsselkompetenzen, wie Teamwork, Kommunikation, Konfliktbewältigung, usw., politische und gesellschaftliche Themen, Exkursionen, usw.), da wir für bestimmte Themen Referenten  einladen. Die Teilnehmenden haben jedoch auch immer wieder die Möglichkeit, selber Themen vorzuschlagen. Vor allem in den Austauschrunden bestimmen sie selber, worüber sie sprechen wollen. 

Was uns jedes Jahr wieder vor Herausforderungen stellt, ist die Heterogenität der Gruppe. Viele der Kursmitglieder sind froh, aus dem schulischen Kontext heraus zu sein und sie freuen sich auf die praktische Arbeit. Sie haben oft wenig Lust, in der eher zwangsweise zusammengestellten Gruppe „Teamspielchen“ zu machen oder sich an Theorieteilen zu beteiligen. Sie empfinden das Ganze eher als lästige Pflicht und machen nur missmutig mit.

Ich merke, dass die unmotivierte Stimmung der Lernenden über die Zeit auch meiner Motivation, gute Seminare anzubieten, geschadet hat. Sehr gerne möchte ich die unterschiedlichen Teilnehmenden begleiten und sie dabei unterstützen, das Jahr positiv für sich zu nutzen. Im Laufe der Zeit wurde es aber eher zu einem „Durchstehen“ der Seminare.

 

Das Bild zeigt Susanne R. im Seminarraum mit einer sehr unmotivierten Teilnehmendengruppe.

Mangelnde Motivation bei den Seminarteilnehmenden, Bild: Eigene Darstellung

 

In einer persönlichen Weiterbildung bin ich auf das Thema Teilnehmerorientierung aufmerksam geworden und sehe hier interessante Verknüpfungen. Ich hatte die Idee, in den Seminaren mehr auf die unterschiedlichen Vorerfahrungen der Lernenden einzugehen und denke, dass sich dies sowohl positiv auf die Einzelnen als auch auf die ganze Gruppe auswirken kann. Zum anderen wollte ich durch ein „erwachsenengerechteres Lernen“ die nicht mehr vorhandene oder verlorengegangene Lern-Motivation wieder stärken. 

 

Das Bild zeigt Susanne R. in ihrem Büro bei einem Einzelgespräch mit einem Seminarteilnehmer.

Teilnehmerorientierung: Einzelgespräche als Methode, Bild: Eigene Darstellung

 

Hierfür habe ich  für das Einführungsseminar neue Methoden, zum Beispiel mit biografischen Elementen, und auch Zeit für Einzelgespräche eingeplant. Die weitere Seminarzeit richte ich noch flexibler aus, um eine möglichst große Partizipation zu erreichen.

Während der ersten Durchführung des neuen Konzepts habe ich viele neue Erfahrungen gemacht und mich auf viele seminar-untypische Momente eingelassen, dafür hatte ich die Teilnehmenden in anderen Kursen hochmotiviert für meine Themen. Einige der Ergebnisse hatte ich einkalkuliert, mit anderen habe ich so nicht gerechnet.

Um dieses neue Vorgehen für mich zu evaluieren und mich über meine Erfahrungen mit Kollegen und Vorgesetzten austauschen zu können, habe ich einen Evaluationsbogen entworfen, in dem ich für meine Seminartage jeweils in einer eigenen Spalte meine Planung (Ziel, Vorgehen, Methoden, etc.), meine Erwartungen und die tatsächlichen Reaktionen der Beteiligten notiert habe. So kann ich das neue Konzept immer weiter anpassen.

Eine Grundlage für die von mir festgehaltene Reaktion war auch das direkte Feedback durch die Kursmitglieder. Dieses kurze Feedback nach jedem Seminartag oder einer Einheit hat sich als eigene Seminarmethode bewährt, denn die Teilnehmenden fanden es sehr spannend, mir diese Rückmeldung zu geben und dadurch an der Planung des Seminars – auch für zukünftige FSJ-ler – beteiligt zu sein.“