Beratung ist keine allgemeine, offene Gesprächssituation, sondern ein konstruiertes Setting, um einer Person einen Raum zu bieten, sich mit einer Entscheidungssituation zu beschäftigen. Hierfür muss nicht explizit nach einem Beratungstermin gefragt werden, es reicht aus, dass zum Beispiel ein Teilnehmender nach einem Training noch Fragen hat und wissen möchte, wie er das Gelernte in der Praxis anwenden kann oder sich nicht sicher ist, ob er in dieser Veranstaltung richtig ist.

 

Das Bild zeigt eine Kursleiterin, die eine Kollegin um Rat bittet.

Beratung auf kollegialer Ebene, Bild: Eigene Darstellung,  CC BY-SA 3.0 DE

 

Beratung kann organisatorisch, möglicherweise sogar institutionell ausdifferenziert sein, sich auf Teilnehmende beziehen oder auf kollegialer Ebene abspielen. Variationen richten sich außerdem nach Anlass, Inhalt, Dauer, Konzeption der Einrichtung und natürlich nach den persönlichen Orientierungen und Fähigkeiten, die Lehrende hier einbringen.

Eckpunkte eines gemeinsamen Beratungsverständnisses

Die nfb Forschungsgruppe Beratungsqualität hat 2012 folgendes Beratungsverständnis formuliert:

Die Beraterin/Der Berater agiert professionell. Dies beinhaltet, dass ein explizites Beratungssetting mit Rahmung, Auftragsklärung, Kontrakt und Transparenz geschaffen wird. Es handelt sich in der Regel um eine freiwillige, zeitlich umrissene, prozesshafte, interessen-sensible und ergebnisoffene Interaktion zwischen einer Ratsuchenden/einem Ratsuchenden und einer Beraterin/einem Berater. Einbezogen werden aber auch Kontexte, in denen die Beratung obligatorisch ist und ggf. Sanktionen nach sich ziehen kann. Im Zentrum der Beratung steht die ratsuchende Person mit ihren Interessen, Ressourcen und Lebensumständen, wobei Beratung immer in einem geteilten Verantwortungskontext stattfindet, in dem die Beraterin/der Berater, die ratsuchende Person und die Beratungsorganisation gleichermaßen Verantwortung für den Beratungsprozess übernehmen. Die Interaktion zwischen einer Ratsuchenden/einem Ratsuchenden und einer Beraterin/einem Berater geht über Informationsvermittlung hinaus und umfasst eine subjektiv relevante Reflexion von Sachverhalten, die u.a. eine begründete Entscheidungsfindung seitens der/des Ratsuchenden ermöglicht. Beratung umfasst eine Vielzahl von teilweise ineinander übergehenden Aktivitäten und Formen. Neben der individuellen Beratung gibt es beispielsweise auch Gruppen-, Online- oder aufsuchende Angebote, um möglichst allen Bevölkerungsgruppen ein einfach zugängliches Beratungsangebot zur Verfügung zu stellen.“  (nfb/Forschungsgruppe Beratungsqualität, 2012)

Ziele von Beratung

Selten gibt es direkte inhaltliche Ziele in Beratungssettings, jedoch gibt es Verlaufsziele. So soll Beratung auf der individuellen Ebene dazu beitragen, die bildungs- und berufsbiografische Gestaltungskompetenz zu erweitern und damit unter anderem die persönlichen Möglichkeiten von Bildungsbeteiligung und Beschäftigungsfähigkeit zu erhöhen. Auf diese Weise sollen Teilnehmende zum Beispiel in die Lage versetzt werden, Angebote zu finden, die zu ihnen passen, effizient(er) zu lernen oder das Gelernte in der Praxis anzuwenden.

Darüber hinaus spielen auch bildungs- und arbeitsmarktpolitische Ziele eine Rolle: Eine gute Bildungs- und Berufsberatung kann die Effektivität und Effizienz des Bildungssystems erhöhen, z. B. indem sie die Abbruchquoten verringern hilft. Auf der arbeitsmarkt-politischen Ebene stärkt sie die Funktionsfähigkeit des Arbeitsmarktes durch die Bereitstellung eines optimal qualifizierten Arbeitskräftepotenzials.

Auf der gesellschaftspolitischen Ebene kann sie die Chancen zur gesellschaftlichen Teilhabe erhöhen und die soziale Integration tendenziell ausgegrenzter Gruppen fördern.

Das Spannungsfeld zwischen Rat geben und Hilfe zur Selbsthilfe in der Beratung

Bildung und Lernen bedeuten prinzipiell, dass ein Mensch Schwierigkeiten bewältigen und Probleme selbst lösen lernt, und zwar möglichst auf Dauer und in wechselnden Situationen. Dieses „selbst“ wird umso wichtiger, je stärker die Sachverhalte, um die es geht, die eigene Person, ihr Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Verhalten betreffen. Damit diese Selbständigkeit wachsen kann, braucht es die Möglichkeit dazu, also einen Raum der Entfaltung und des Einübens. Das schließt Unterstützung nicht aus, aber es ist eine andere Form als das direktive Rat geben.

Vor diesem Hintergrund empfiehlt der Professor für Erziehungswissenschaften Dr. Jörg Knoll, verschiedene Handlungsformen pädagogischer Unterstützung nicht nur inhaltlich, sondern auch begrifflich zu unterscheiden. Dadurch erhält der Begriff der Beratung eine engere, dafür aber auch präzisere Bedeutung. Zugleich öffnet sich der Blick auf weitere pädagogische Handlungsformen, die ebenfalls notwendig sind und einen wichtigen Platz in der alltäglichen Arbeit einnehmen. 

Klicken sie auf die Fragezeichen im Bild, um sich die von ihm unterschiedenen Handlungsformen anzeigen zu lassen. 

 

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Handlungsformen pädagogischer Unterstützung, Bild: Eigene Darstellung,  CC BY-SA 3.0 DE

 

Hier wird deutlich, dass diese eigentlichen Beratungssituationen sehr viel seltener auftreten, als es der inflationäre Gebrauch des Wortes annehmen lässt. Und zum anderen wird deutlich, dass in vielen Situationen Anleitung und Information als Handlungsformen durchaus angemessen sind und voll ausreichen. Die fachliche Kompetenz von Lehrenden in der Erwachsenenbildung muss so weit reichen, dass sie die jeweils angemessene Handlungsform bewusst auswählen und die Übergänge zwischen den Handlungen gestalten können. Praktisch heißt das zumeist, sich zwischen Beratung und Anleitung zu entscheiden bzw. auf ein Beratungsanliegen nicht mit Anleitung und auf einen Anleitungsbedarf nicht mit Beratung zu reagieren.

Referenzen

BMBF. (2007). Bestandsaufnahme in der Bildungs-, Berufs- und Beschäftigungsberatung und Entwicklung grundlegender Qualitätsstandards. Bonn: BMBF.

Knoll, J. (2008). Lern- und Bildungsberatung, Professionell beraten in der Weiterbildung. Bielefeld: wbv Media.

Nationales Forum Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung e.V. (nfb)/Forschungsgruppe Beratungsqualität am Institut für Bildungswissenschaft der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg (Hg.). Beratungsqualität in Bildung, Beruf und Beschäftigung. https://www.wbv.de/artikel/104-082w001 (Zuletzt abgerufen am 18.02.2021).