Qualitätsstandards  für  die  Beratung  in  Bildung  Beruf  und  Beschäftigung

Die „Qualitätsstandards  für  die  Beratung  in  Bildung  Beruf  und  Beschäftigung“ (BeQu-Standards) wurden im Rahmen des gemeinsamen Projekts des nfb und des Instituts für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg (IBW) zusammen mit  zahlreichen  Expertinnen  und  Experten  aus  den  verschiedenen Beratungsfeldern  entwickelt. Der Katalog von Qualitätsanforderungen für das Feld der Bildungs- und Berufsberatung ist unabhängig davon, ob die Beratung in einer Schule, einer Arbeitsagentur, einer kommunalen Bildungsberatungsstelle oder bei gemeinnützigen oder privaten Anbietern stattfindet und welche Zielgruppe im Fokus steht.

Die Anforderungen betrachten „all jene Beratungsangebote, die Menschen bei ihrer individuellen Kompetenzentwicklung sowie den Orientierungs- und Entscheidungsprozessen während ihrer gesamten Bildungs-, Berufs- und Erwerbsbiographie unterstützen und begleiten.“ (nfg, 2014, S. 5) Gemeint sind dabei sowohl punktuelle Intervention in Übergangssituationen oder bei aktuellen Krisen als auch lebensbegleitende, präventive Beratung für das Lernen im Lebenslauf. Psychosoziale und therapeutische Beratungsangebote gehören jedoch nach diesem Verständnis nicht zum Kernbereich der Beratung.

Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite der nfb (https://www.forum-beratung.de/)

Ein systemisches Verständnis von Beratung

Den BeQu-Standards liegt ein systemisches Verständnis von Beratung zugrunde, demzufolge das Beratungssystem als ein Interaktionsprozess zwischen zwei Teilsystemen – dem System des oder der Ratsuchenden und dem System der Beraterin oder des Beraters – beschrieben werden kann. Dies wird in der folgenden Grafik verdeutlicht:

 

Das Bild zeigt das systemische Modell arbeitsweltbezogener Beratung nach Schiersmann und Weber 2013.

Systemisches Modell arbeitsweltbezogener Beratung nach Schiersmann/Weber (Hg.) 2013, S.  30

 

Sowohl die ratsuchende als auch die beratende Person bringt Elemente aus ihrem System (Lebensumstände, Fähigkeiten, Interessen, Erfahrungen etc.) in die Beratung mit ein. Dieses Beratungssystem wiederum ist eingebunden in einen organisationalen und gesellschaftlichen Kontext, der wiederum Auswirkungen auf das Beratungssystem und den Beratungsprozess hat und umgekehrt. Zu diesen organisationalen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gehören zum Beispiel die Art der Finanzierung, das jeweilige Beratungssetting, die für Beratungsdienste zur Verfügung stehenden Ressourcen, aber auch die jeweiligen Ziele und Leitbilder der Anbieterorganisationen.

Für die Qualitätsstandards bedeutet dies, dass sich die Qualität von Beratung nicht nur an Kompetenzen, Einstellungen und Verhaltensweisen der beratenden Person sowie dem Interaktionsprozess bemessen lassen muss. Die BeQu-Standards adressieren deshalb auch das Handeln der für die Beratung verantwortlichen Akteure und Akteurinnen in den Anbieterorganisationen und in den jeweils zuständigen politischen Institutionen (zum Beispiel Regierungen oder Dachverbände). 

Ziele der Qualitätsstandards

Die Standards haben „den Charakter von „Leitlinien“ für beraterisches, organisationales und politisches Handeln“ (nfg, 2014, S. 6). Ratsuchende können mit Hilfe der Standards die Qualität von Beratungsleistungen besser beurteilen und werden bei der Wahl der für sie passenden Beratungsangebote unterstützt.

Berater bzw. Beraterinnen und Anbieterorganisationen können die BeQu-Standards zur Reflexion ihrer Arbeit nutzen und mit ihrer Hilfe die Qualität ihrer Beratungsleistungen überprüfen und verbessern. Für Lehrende von besonderer Bedeutung ist, dass sich mit den einzelnen Standards sowohl non-formal als auch informell erworbene Beratungskompetenzen erfassen, dokumentieren und bewerten lassen.

Entscheidungsträger in Politik und Verwaltung, die die Steuerung und Finanzierung von Beratungsangeboten verantworten, können auf Basis der Standards deren Qualität besser beurteilen und die dafür erforderlichen Ressourcen besser einschätzen.

Die Qualitätsstandards im Überblick

Es wurden insgesamt 19 Qualitätsstandards definiert, die sich an die am Beratungsgeschehen direkt oder indirekt beteiligten und zusammenwirkenden Akteurssysteme richten. Diese gliedern sich in die folgenden fünf Bereiche, die in der folgenden Grafik genauer erläutert werden. Klicken Sie dazu jeweils auf die Plus-Symbole im Bild:

  1. Auf übergreifende Prinzipien und Wertvorstellungen bezogene Standards (Ü),
  2. auf den Beratungsprozess bezogene Standards (P),
  3. auf den/die Beratenden/e bezogene Standards (B),
  4. auf die Beratungsorganisation/Anbieterorganisation bezogene Standards (O) und
  5. auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Ziele bezogene Standards (G).

 

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Systemisches Kontextmodell für die Beratung nach Schiersmann/Weber (Hg.) (2013), S. 108

 

Die BeQu-Standards im Überblick

Die BeQu-Standards beziehen sich auf unterschiedliche Systemebenen und stellen Anforderungen sowohl an Beratende, Organisationen und die Politik. Im Folgenden finden Sie eine kurze und prägnante Darstellung der Standards.

 

Ü Übergreifende Qualitätsstandards  
  • Ü1: Gute Beratung stellt die Ratsuchenden mit ihren Anliegen, Interessen, Kompetenzen und Potenzialen in den Mittelpunkt. 
  • Ü2: Gute Beratung erfordert grundsätzlich Freiwilligkeit der Inanspruchnahme.  
  • Ü3: Gute Beratung ist für Ratsuchende leicht zugänglich und transparent.
  • Ü4: Gute Beratung verpflichtet sich auf ethische Prinzipien und wahrt die Rechte der Ratsuchenden.
  • Ü5: Guter Beratung liegt eine Strategie der kontinuierlichen Qualitätsentwicklung zugrunde, die im Einklang mit den hier vorgelegten oder vergleichbaren Qualitätsstandards für Beratung steht.
P Prozessbezogene Qualitätsstandards
  • P1: Gute Beratung erfordert die gemeinsame Gestaltung einer für das Anliegen und den Rahmen der Beratung förderlichen Beziehung.
  • P2: Gute Beratung ist ergebnisoffen und erfordert die gemeinsame Klärung der Erwartungen der Ratsuchenden an die Beratung sowie eine Verabredung über Ziel, Weg und angestrebte Ergebnisse des Beratungsprozesses.
  • P3: Gute Beratung erfordert eine gemeinsame Analyse und Reflexion der Situation der Ratsuchenden sowie ihrer Interessen, Werthaltungen und Ressourcen.
  • P4: Gute Beratung unterstützt Ratsuchende dabei, aktiv und eigenverantwortlich Lösungsperspektiven zu erarbeiten, Entscheidungen zu treffen und diese umzusetzen. 
 B Kompetenz- und professionalitätsbezogene Standards
  • B1: Gute Beratung setzt voraus, dass Beratende zu professionellem beraterischen Handeln befähigt sind. Die erforderlichen Kompetenzen sind in einem Kompetenzprofil für die Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung festgelegt, welches mit den hier vorgelegten Qualitätsstandards für Beratung korrespondiert.
 O Organisationale Rahmenbedingungen, Anforderungen und Strategien
  • O1: Gute Beratung orientiert sich an einem organisationalen Leitbild, das den Auftrag der Beratungsorganisation, ihre Strategie, die Ziele und ethischen Prinzipien ihres Beratungsangebots beschreibt.
  • O2: Gute Beratung erfordert klar definierte Abläufe, Prozesse und Verantwortungsbereiche, die die Beratung als eine kommunikative soziale Dienstleistung unterstützen.
  • O3: Gute Beratung erfordert eine konstruktive und partizipative Kommunikations- und Kooperationskultur innerhalb der Beratungsorganisation.
  • O4: Gute Beratung erfordert eine personelle und materielle Ausstattung, die den jeweiligen Beratungsangeboten und den hier vorgelegten Qualitätsstandards angemessen ist.
  • O5: Gute Beratung erfordert eine gute Zusammenarbeit der Beratungsorganisation mit ihren Partnerorganisationen und weiteren relevanten Akteuren im gesellschaftlichen Umfeld.
G Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Ziele
  • G1: Gute Beratung berücksichtigt neben der individuellen Situation der Ratsuchenden die relevanten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die aktuellen Entwicklungen des Bildungswesens, der Berufe und des Arbeitsmarktes und vermittelt Ratsuchenden den geeigneten Zugang zu solchem Wissen.
  • G2: Gute Beratung befähigt Ratsuchende zur eigenverantwortlichen Gestaltung ihrer bildungs- und berufsbiographischen Entwicklungsprozesse (Selbstorganisationsfähigkeit). 
  • G3: Gute Beratung unterstützt Ratsuchende bei der nachhaltigen Verfolgung und Umsetzung ihrer Bildungs-, Berufs- und Beschäftigungsziele.
  • G4: Gute Beratung fördert die gesellschaftliche Teilhabe und Gleichstellung tendenziell benachteiligter Personengruppen, insbesondere auch in Hinblick auf Geschlecht, Alter, Behinderung, kulturelle und ethnische Herkunft (Inklusion).

Referenzen

CEDEFOP (Hg.) (2004). Strategien zur Bildungs- und Berufsberatung: Trends, Herausforderungen und Herangehensweisen in Europa. Ein Synthesebericht des CEDEFOP von Ronald G. Sultana, CEDEFOP Panorama Series, Heft 2, Luxemburg.

EU - Rat der Europäischen Union (Hg.) (2004). Entschließung des Rates und der im Rat vereinigten Vertreter der Regierungen der Mitgliedstaaten über den Ausbau der Politiken, Systeme und Praktiken auf dem Gebiet der lebensbegleitenden Beratung in Europa. Doc 9286/04. Brüssel.

EU - Rat der europäischen Union (Hg.) (2008). Entschließung des Rates und der im Rat vereinigten Vertreter der Regierungen der Mitgliedstaaten zu einer besseren Integration lebens-umspannender Beratung in die Strategien für lebenslanges Lernen. Doc 15030/08. Brüssel.

Katsarov, J.; Paulsen, B.; Schiersmann, C.; Schmidtpott, S.; Schober, K.; Verhoeven, T.; Weber, P. (2014). Qualitätsstandards für die Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung. Berlin: nfb.

OECD (Hg.). (2004). Career Guidance and Public Policy – Bridging the Gap. Paris.

Schiersmann, C. et al. (2008). Qualität und Professionalität in Bildungs- und Berufsberatung. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag.

Schiersmann. C.; Weber, P.; Petersen, C. (2013). Kompetenz als Kern von Professionalität. In: Schiersmann, C.; Weber, P. (Hg.) (2013b), Seite 195-222.