Solche „Situationen mit Beratungscharakter“ können sehr unterschiedlich aussehen: Zum Beispiel bei Anfragen von Teilnehmenden mit Blick auf die Auswahl von Veranstaltungen, auf die Art und Weise des eigenen Lernens, den Erwerb oder Vertiefung von Kompetenzen oder die eigene (berufliche) Weiterentwicklung, bei Anfragen oder Hilferufen von Kolleginnen oder Kollegen, zum Projektmanagement, zur Veranstaltungsplanung oder zum Umgang mit Teilnehmenden oder auch in der Zusammenarbeit mit Gremien, Personen im Umfeld der eigenen Einrichtung, mit Partnerorganisationen und Kooperationspartnern, mit Behörden und anderen öffentlichen Stellen.

Verschiedene Beratungstypen

Praxisbeispiel 1: In einem Bewerbungstraining nutzt eine Teilnehmerin die  Pause, um der Dozentin mitzuteilen, dass sie das Training abbrechen will, weil sie schwanger ist. Sie müsse im Moment keine Bewerbungen schreiben. 

Praxisbeispiel 2: Als Umschulungsmaßnahme wird Herr Dewes (50 Jahre, Meister des Elektrohandwerks) in den Lehrgang „E‑Kräfte in E‑Installationen und Gebäudetechnik“ geschickt. Im Lehrgang werden im Wesentlichen Grundkenntnisse vermittelt. Damit kennt sich Herr Dewes jedoch bereits aus. Im Anschluss an eine Unterrichtseinheit schildert er dem Lehrgangsleiter seine Situation und fragt: „Wie soll ich denn das machen, dass ich hier mehr auf meine Kosten komme?“ 

Praxisbeispiel 3: Herr Halsema hat sich im Kurs „Business English“ angemeldet und bereits nach dem zweiten Abend bemerkt, dass er hier nicht das lernt, was er für seine Arbeit gebrauchen kann. Dies hat er der Kursleitung mitgeteilt und diese hat ihm ein gesondertes Treffen am Nachmittag vor dem nächsten Abendkurs vorgeschlagen, welches er gerne annimmt, um genauer zu klären, welcher Kurs für ihn am besten passt.  

Als Orientierungshilfe unterscheidet der Professor für Erziehungswissenschaften Dr. Jörg Knoll verschiedene Situationstypen. Hierbei handelt es sich um zwei Unterscheidungskriterien, die sich in einer Matrix (s.u.) darstellen lassen.

1. Das erste Unterscheidungskriterium ist die Abgrenzung zum umgebenden Handlungsfeld.

  • Dementsprechend gibt es Beratungssituationen, die mit fließenden Grenzen in die Arbeit und Abläufe eingebettet sind. Sie entstehen häufig unerwartet: am Telefon, in einer persönlichen Begegnung, bei einer Besprechung oder ganz buchstäblich zwischen Tür und Angel. Sie sind zeitlich, räumlich und arbeitsorganisatorisch in die alltägliche Bildungsarbeit integriert.
  • Daneben gibt es Situationen, die vom ersten Augenblick an von den umgebenden Geschehnissen und Arbeitsabläufen abgegrenzt sind. Sie finden meist in einem Büro, Beratungsraum oder einer etwas abgelegeneren Sitzecke statt. Außerdem sind die Situationen von einem mehr oder weniger festen, bekannten Zeitrahmen bestimmt. Sie sind somit differenziert.

2. Zum anderen kann die Konstellation der Beteiligten (Explikation) als Unterscheidungskriterium dienen.

  • Hier gibt es zum einen Konstellationen, in denen jemand einen Bedarf an Unterstützung andeutet oder diese annimmt, ohne dass die Situation von vornherein als Beratung gekennzeichnet wurde. Eine Schwierigkeit wird angesprochen oder macht sich bemerkbar. Ob sich Beratung im engeren, fachlichen Sinne als notwendig oder möglich herausstellt oder ob andere Handlungsformen angemessen sind, muss sich im Laufe des Geschehens klären. Möglicherweise definiert in dieser Konstellation nur die Lehrperson die Situation als Beratung. Derartige Konstellationen werden hier als „implizite Beratungssituationen“ bezeichnet.
  • Anders ist die Lage bei Prozessen, die von vorneherein unter der Überschrift „Beratung“ stehen. Hier handelt es sich also um einen symmetrischen Vorgang, der die Kennzeichnung „explizite Beratungssituation“ nahelegt.

 

Typen von Situationen mit Beratungscharakter

 

Das Bild zeigt eine Matrix mit Typen von Situationen mit Beratungscharakter nach Knoll, 2008.

(Typen von Situationen mit Beratungscharakter nach Knoll, 2008)

Beispiele zu den verschiedenen Typen:

Oben haben Sie verschiedene Beispiele für die Beratungstypen kennengelernt. 

  • Praxisbeispiel 1. ist ein Beispiel für eine integrierte und implizite Beratungssituation .
  • Praxisbeispiel 2 ist ein Beispiel für eine integrierte und explizite Beratungssituation.
  • Praxisbeispiel 3 ist ein Beispiel für eine differenzierte und explizite Beratungssituation.

Referenzen

Dewe, B.; Schwarz, M.P. (2013). Beratung als professionelle Handlung und pädagogisches Phänomen. Hamburg: Dr. Kovac.

Maier-Gutheil, C.; Nierobisch, K. (2015). Beratungswissen für die Erwachsenenbildung. Bielefeld: wbv Media.

Knoll, J. (2008). Lern- und Bildungsberatung, Professionell beraten in der Weiterbildung. Bielefeld: wbv Media.

Wimmer, A., Buchacher, W., Kamp, G., & Wimmer, J. (2012). Das Beratungsgespräch. Skills und Tools für die Fachberatung. Wien: Linde.